Edgar G. Ulmer

Detour, 1945, Edgar G. Ulmer

7. bis 27. März 2003

 

Im Zentrum des Märzprogramms steht ein großer (Alt-)Österreicher in Hollywood: Edgar G. Ulmer (1904–1972) – geboren in Olmütz, aufgewachsen in Wien, ausgebildet bei Max Reinhardt und Friedrich Wilhelm Murnau, emigriert nach Amerika, genannt The King of the B’s. Eine geheimnisumwobene Ikone der amerikanischen Filmgeschichte, die bis heute im Schatten anderer bedeutender Emigranten wie Fritz Lang oder Billy Wilder steht. Bertrand Tavernier über Ulmer: „Eine spektakuläre Figur auch jenseits seiner Filme, einer jener seltenen Menschen, die es praktisch unmöglich machen, sie zu beschreiben.“
 
Die Retrospektive des Filmmuseums ist die bislang umfassendste Präsentation von Ulmers Schaffen im deutschsprachigen Raum. Sie reicht von Sunrise (1927), seiner Zusammenarbeit mit Murnau, und dem semidokumentarischen Berlin-Klassiker Menschen am Sonntag (1929) über sein fulminantes Hollywood-Debüt The Black Cat (1934, nach Edgar Allan Poe) und seine jiddisch-ukrainisch-afroamerikanischen Außenseiterfilme im New York der späten 30er Jahre, bis hin zu gefeierten Spätwerken wie Murder is My Beat (1955) und dem Western The Naked Dawn (1955), der die jungen französischen Kritiker – z.B. François Truffaut und Jean-Luc Godard – in größte Verzückung versetzte.
 
Exakt zwischen diesen Polen – der späten Glorie des Stummfilms und den künstlichen Technicolor-Welten der 50er und 60er Jahre – liegt Ulmers glückhafteste Schaffensperiode: Von 1942-46 ist er der „Starregisseur“ im ärmlichsten Filmstudio der Welt, PRC. Dort inszeniert er, mit Minimalbudget und jeweils ein, zwei Wochen Drehzeit, mehrere Meisterwerke des B-Films – Bluebeard (1944), Strange Illusion (1945) und Detour (1945), den vielleicht härtesten, finstersten Film im gesamten amerikanischen Kino. Zusammen mit den aufwendigeren Nachzüglern The Strange Woman (1946) und Ruthless (1948) bildet dieser Zyklus eine kristalline, hochgradig persönliche Ausprägung des Film noir. Für Ulmer war es ein Grundprinzip, das Übernatürliche und das „Schicksal“ anzunehmen; nicht um es triumphieren zu lassen, sondern um eine romantische Welt zu schaffen, die dem Diktat von Glaubwürdigkeit und positivistischer Logik nicht mehr gehorcht. In The Black Cat kommt auf den Vorwurf einer Amerikanerin, es handle sich um abergläubischen Humbug, die Antwort des Europäers: „Superstitious perhaps, baloney, perhaps not. There are many things under the sun.“
 
Ulmer hat in Gesprächen immer seine Abneigung gegen Geschäftemacherei und Buchhalterei betont, und seine Zuneigung zu jenen, die ihre Filme aus Liebe zur Kunst drehen. Während er mit dem Hollywoodkino der 1960er Jahre nichts mehr anfangen konnte, imponierten ihm die jungen Filmleute in der Tschechoslowakei, in Italien und Frankreich. „Niemand denkt an Überstunden; Leute sitzen Tag und Nacht und reden über nichts als den einen Film, an dem sie arbeiten werden.“ Ulmer verstand seine eigene Arbeit ähnlich, und der bewusste Rückzug auf B-Pictures half ihm dabei, seinem Ziel und seinen Vorstellungen treu zu bleiben: Hier konnte er dem Zwang zum Kino-Realismus viel besser entfliehen.
 
Ulmer dreht – mit großem Geschick und unglaublichem Enthusiasmus – schwarze Krimis und mystische Western, philosophische Science-Fiction-Parabeln und Lehrfilme, jiddische Musicals und eine Starparade der klassischen Musikwelt (Carnegie Hall, 1947), er deliriert über die Piraten von Capri (1949) und die Herrin von Atlantis (1961). Er „durchquert die halbe Filmgeschichte, ohne dabei selbst öffentlich jene Bedeutung zu gewinnen, die er verdient hätte: eine Phantomgestalt, wie besessen von der Arbeit am Kino, ohne Geschick für strategische Karriereplanung, aber umso spannender als 'wilder' Künstler, als poète maudit der europäisch-amerikanischen Filmszene“ (Stefan Grissemann).
 
Zum Start der Retrospektive erscheint im Verlag Paul Zsolnay die weltweit erste Biografie über den Regisseur: Mann im Schatten von Stefan Grissemann ist eine groß angelegte Reise durch Ulmers Leben und sein Kino. 
  

Zwei der drei Töchter des Regisseurs werden im Rahmen der Retrospektive im Filmmuseum zu Gast sein: Carola Hurnaus, Ulmers jüngste Tochter, die auch in Wien lebt und Arianné Ulmer Cipes, kenntnisreiche Verwalterin seines Nachlasses, die in Los Angeles lebt und auf Einladung des Filmmuseums Wien besuchen und über die Filme und die schillernde Karriere ihres Vaters Auskunft geben wird.

 

Die Retrospektive findet mit großzügiger Unterstützung der US Embassy in Österreich und in Zusammenarbeit mit der Edgar G. Ulmer Preservation Corp. (Los Angeles) statt.
Zusätzliche Materialien