Singen und Tanzen im Film

Les Demoiselles de Rochefort, 1967, Jacques Demy

28. April bis 31. Mai 2003

 

Im Rahmen der Wiener Festwochen 2003 präsentiert das Filmmuseum eine umfassende Retrospektive und einen neuen Blick auf das Genre des Filmmusicals.
 
Fünfzig Filme, entstanden zwischen 1929 und 2002, beschreiben eine reiche Kinolandschaft aus Tanz und Gesang, die kaum geographische oder ästhetische Grenzen kennt. Die Bewegung der Stimmen und Körper im Filmmusical ist ansteckend: Erfasst vom Strom der Musik, reißen die Menschen einander und ihre Umgebung mit – nicht nur in großen Studio-Choreographien oder auf der Bühne, sondern auch auf offenem Feld, in der Fabrik, in der Shopping Mall oder im Gefängnis. Dabei wird Sprache zu Lautmalerei, Dialog zu Gesang, Geräusch zu Musik, Geste zu Tanz. Und das Erzählen des Films wird durch und durch musikalisch.
 
Die Verschränkung von Alltag und Utopie, filmischer Realität und Traumwelt (aus dem einen ins andere flüchten, das eine ins andere hineintragen) markiert eine von vielen Linien, die sich durch die Retrospektive ziehen.
 
Die Filmauswahl reicht von Fred Astaire & Ginger Rogers, Gene Kelly und Judy Garland bis zu den modernen Musicals von Jacques Demy, Chantal Akerman oder Lars von Trier. Von den Meistern aus Hollywood – Busby Berkeley, Ernst Lubitsch, Vincente Minnelli, George Cukor – bis hin zu grandiosen Musical-Entdeckungen aus Mexiko, Hongkong (Grace Chang), England (Jessie Matthews und Gracie Fields) und aus dem weiten Reich des „fröhlichen Kommunismus“ (Ungarn, DDR, UdSSR).
 
Die unbändige Musikalität europäischer Klassiker von René Clair, Jean-Luc Godard und Helmut Käutner trifft auf eine zeitgenössische, selbstreflexive Neudefinition des Genres durch Autoren wie Terence Davies, Tsai Ming-liang oder Alain Resnais, die mit „gefundenen“ Tonspuren und „geborgten“ Stimmen arbeiten.
 
Und auch der kurze Film schlägt einen weiten Bogen: von den Black Musical Shorts der frühen 30er Jahre (mit Bessie Smith, Duke Ellington und Cab Calloway) bis hin zu aufwendigen und zitatfreudigen Musikfilmen von Spike Jonze, Michel Gondry oder Jean-Baptiste Mondino (mit Björk, Kylie Minogue, Madonna, Fatboy Slim und den Chemical Brothers).
 
Anstelle einer engen, auf Hollywood beschränkten Geschichte des Genres stellt die Schau eine Vielzahl von Verbindungslinien vor, entlang derer die Filme und Figuren miteinander kommunizieren – oft über Epochen und Kontinente hinweg. Die Grenzen zwischen den Genres (Musical, romantische Komödie, Melodram, Musikvideo) werden ebenso fließend wie die Übergänge zwischen der „Illusion“ (den Musical-Nummern) und der eigentlichen – „realistischen“ – Handlung.
 
Der moderne Arbeitsalltag, die pointierte Konfrontation der Geschlechter, die Spannung zwischen Kollektiv und Individuum sind für diese Filme gleich relevant wie die Traumwelt des Show-business. Damit treten neue Figuren, Milieus und Schauplätze neben die professionellen Unterhaltungskünstler: Gesungen und getanzt wird im Frisiersalon (Golden Eighties), hinter der Schreibmaschine (Der Traum von Lieschen Müller) oder am Fließband (A nous la liberté). Der Rhythmus der Maschinen bestimmt den Schritt (Dancer in the Dark), und mitunter versucht ein verrückter Musiker, einen Klangkörper aus 500 Klavierschülern zu bauen (The 5,000 Fingers of Dr. T). Solch streng akkordierte Bewegungen und Abläufe sind jederzeit anfällig für musikalische Anarchie.
 
Das Projekt „Singen und Tanzen im Film” wurde von Andrea Pollach, Isabella Reicher und Tanja Widmann gestaltet. Als Ergebnis ihrer langjährigen Forschungsarbeit ist neben der Retrospektive auch ein gleichnamiges Buch entstanden, das in vielfältiger Weise von der Utopie und vom Wirklichkeitsbezug der „musikalischen Filme“ erzählt. Es versammelt Essays prominenter internationaler und österreichischer Autor/innen – Pascal Bonitzer, Alf Brustellin, Elisabeth Büttner, Danae Clark, Carol Clover, Richard Dyer, Lucy Fischer, Jean Mitry, Tobias Nagl, Juliane Rebentisch, Ramon Reichert, Alexandra Seibel, Anja Streiter – und erscheint als Band 2 der Reihe Zsolnay/Kino.

  

Catherine Deneuve besuchte als Überraschungsgast die Vorstellung von Jacques Demys Film Les Demoiselles de Rochefort (1967), in dem sie mit ihrer wenig später verstorbenen Schwester Francoise Dorléac die Hauptrolle spielte.

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