The Wild Bunch
Späte Western 1960–1995

The Wild Bunch, 1969, Sam Peckinpah

31. August bis 30. September 2007

 
Zum Saisonauftakt präsentiert das Österreichische Filmmuseum den zweiten Teil seines großen Western-Projekts. Nach den klassischen Western der 1950er Jahre steht nun die Spätphase des Genres im Mittelpunkt – 34 Filme aus den USA und aus Italien, die vom Untergehen des Westens, seiner Utopien und seiner Legenden erzählen.
 
Auf höchst emphatische Weise zelebrieren die späten Western das Ende einer Mythologie, die angesichts der politischen und sozialen Entwicklungen in den 1960er und 70er Jahren nicht mehr zu halten war.

 

In den Werken von Sam Peckinpah, Sergio Leone, Arthur Penn, Sergio Corbucci, Robert Altman oder Monte Hellman gewinnt der Western eine Art „gegenkulturelle“ Kraft, die ein stark verdüstertes Bild der amerikanischen Geschichte und Gegenwart freilegt.

 

Die Adjektive, die die Filmkritik diesen Werken beigesellte, drücken den grundlegenden Bedeutungswandel des Genres aus: schmutzig, zynisch, abgeklärt, revisionistisch, anti-amerikanisch, selbstkritisch, destruktiv. Der Spätwestern als grimmiges Spektakel einer Krisen- oder Endzeit.
 
Am Beginn dieser Entwicklung steht der Wandel des Westernhelden zu einem „Professional“ ohne familiäre und gesellschaftliche Bindungen – eine Figur, die sich über kühle technische Könnerschaft definiert statt über Werte. Die diesbezüglich ikonischen Filme – John Sturges’ The Magnificent Seven (1960) und Sergio Leones Per un pugno di dollari (1964) – gehen beide auf Vorlagen von Kurosawa zurück.

 

Als eine „Mischung aus Samurai, Rächer, Kopfgeldjäger und Abenteurer“ wird der Professional im weiteren Verlauf des Genres zum „unbehausten Kämpfer in einer Welt, in der es keine Hoffnung auf Heimat mehr gibt“ (Georg Seeßlen). Das gilt für Jack Nicholson und Warren Oates in Monte Hellmans „existenzialistischen“ Western Ride in the Whirlwind und The Shooting ebenso wie für die Figuren bei Peckinpah und für die Entwicklung Clint Eastwoods von Leones Dollar-Trilogie bis zu seinem eigenen Hauptwerk Unforgiven.
 
Die kurze, intensive Erfolgswelle des Italowestern, dessen wesentliche Beispiele zwischen 1964 und 1969 entstanden, brachte Figuren und Stimmungslagen hervor, die vollends zwischen Nihilismus und Commedia dell’arte, zwischen Opernhaftigkeit und Comics balancierten: ein „Verrat am Genre“ für viele amerikanische Westernfreunde, für europäische Kritiker hingegen ein Terrain, auf dem sich stilistischer Extremismus und politische „Ansagen“ auf spannende Weise begegneten.

 

Die Filme von Leone, Corbucci, Sergio Sollima, Damiano Damiani und Giulio Questi sind in der Schau in raren 35mm-Kopien und italienischen, englischen und deutschen Sprachfassungen zu sehen. Sie geben Einblick in eine Welt, in der alles zum Ritual und zur Stilfrage gerinnt: der Showdown, die Revolution, die Rache, der Tod – und ganz besonders die filmische Gestaltung selbst.
 
Im New-Hollywood-Kino hingegen beweist der Western noch einmal seine Tauglichkeit als Geschichtsallegorie. Die Härte und Melancholie, der Sarkasmus und die Gewalt in den Meisterwerken von Peckinpah, Aldrich, Altman und Penn geben ein neues, realistischeres Bild vom alten Westen und künden zugleich vom Aufruhr im Selbstverständnis der USA zur Entstehungszeit dieser Filme: Während des Vietnamkriegs, zwischen 1965 und 1975, verlieren die weißen Männer des Westens ihre Stammrolle als good guys der Weltgeschichte; die Perspektive des „kolonisierten“ Volkes, der Native Americans wird deutlicher. In dieser Zeit und in den Jahren danach mehren sich auch die Filme, die als „letzte Western“ verstanden werden können: von Dennis Hoppers fiebrigem The Last Movie (1971) über Don Siegels The Shootist (1976, mit John Wayne in seiner Abschiedsrolle) bis zu Michael Ciminos antikapitalistischem Epos Heaven’s Gate (1980). Seither ist der Westerner dazu verdammt, als historisches Gespenst über die plains zu ziehen. Wie bei Jim Jarmusch: als Dead Man.
 
Zur Schau erscheint ein neues Buch des Filmmuseums, hrsg. von Bert Rebhandl: Western. Genre und Geschichte (Zsolnay-Verlag) versammelt auf 360 Seiten Essays französischer und englischsprachiger Autoren in deutscher Erstübersetzung  Texte von Jacques Rancière, André Glucksmann, Raymond Bellour, Robert Warshow, Richard Slotkin, Pam Cook u.v.a.
 
Die Retrospektive wurde in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse und mit großzügiger Unterstützung des US Embassy realisiert.

Zusätzliche Materialien