Dziga Vertov

Celovek s kinoapparatom (Der Mann mit der Kamera), 1929, Dziga Vertov

1. bis 28. Mai 2006

 

Der Filmmacher und Medientheoretiker Dziga Vertov (1896–1954), geboren als Denis Arkad'evič Kaufman in Białystok, wird heute einhellig als einer der großen „Erfinder“ des Kinos gesehen: Erfinder einer neuen Schrift aus Bild und Ton; Schöpfer und Dokumentarist einer in Bewegung befindlichen Welt. Vertov verstand und praktizierte Film als die moderne Ausdrucksweise und als Mittel zur Schaffung eines neuen Welt-Bilds.

In radikaler Abwendung vom theatralischen, romantizistischen Illusionskino war Film für ihn mit dem poetischen und selbstreflexiven Dokumentarfilm ident – nicht als „schöner“, „ästhetischer“ Naturfilm, sondern als eine Kunst des Rhythmus und der (rasenden) Bewegung, die unmittelbar und umstürzlerisch aufs Bewusstsein der Gesellschaft einwirkt: als Kino-Wahrheit.
 
In seinen polemischen Schriften wie in seinen überbordenden, im Sekundentakt überraschenden Filmen bringt er das essentiell Neue, das Eigene des Filmmediums auf den Punkt: „Ich bin das Filmauge. Ich bin das mechanische Auge. Ich bin die Maschine, die Euch die Welt so zeigt, wie nur ICH sie zu sehen imstande bin.“
 
Von den revolutionären Wochenschauen Kinonedelja (1918/19) und Kinopravda (1922-25), die faszinierende Einblicke in die frühe Sowjetunion bieten und zugleich die rasche Entwicklung von Vertovs Filmsprache demonstrieren, bis hin zu den abendfüllenden Meisterwerken wie z.B. Kinoglaz (1924), Ein Sechstel der Erde (1926), Das elfte Jahr (1928), Der Mann mit der Kamera (1929), Ėntuziazm (1930) oder Drei Lieder über Lenin (1934/38) sind die Arbeiten Vertovs und seiner Kinoki-Gruppe immer auch Filme über die ganze Welt.
 
Sein Anspruch war unerhört und utopisch: „Von den Moscheen von Bucharov zu den Stahlträgern des Eiffelturms, von den Schächten der Hochöfen in den ukrainischen Metallwerken zu den Wolkenkratzern in New York. Vertov wollte hier wie dort präsent sein, und überall gleichzeitig, als hätte er befürchtet, etwas Bemerkenswertes zu übersehen. Sein 'Mann mit der Kamera' raste in Autos dahin, flog Flugzeuge, spähte durch Fenster und wagte sich sogar unter die Erde. Die ganze Welt gehörte ihm, und er fühlte sich überall zuhause. Die Avantgarde der 1920er Jahre sah in der Einheit der Welt die Dämmerung einer globalen Revolution angekündigt, die sehr bald die ganze Welt ergreifen würde.“ (Vladimir Nepevnyj)
 
Um 1930 war Vertov eine internationale Berühmtheit; er absolvierte zwei ausgedehnte Vortragsreisen durch Westeuropa und gewann illustre Bewunderer, von Charles Chaplin bis Walter Benjamin. Seine Filme waren außerhalb der Sowjetunion kaum je im „regulären Kinoeinsatz“, doch ihre Einzigartigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
 
Gleichzeitig wurde er in Russland mehr und mehr an der Realisierung seiner Konzepte gehindert: Im Stalinstaat blieben die meisten Avantgarde-Filmschaffenden zwar von Gulag oder Ermordung verschont, doch ihre Arbeits- und individuellen Ausdrucksmöglichkeiten wurden massiv eingeschränkt.

Am Ende seines Lebens beneidet Vertov den in den Selbstmord getriebenen Freund Majakovskij, dessen Gedichte immerhin in den Büchereien überlebt hätten. Sein eigenes Werk hingegen, schreibt Vertov in den Tagebüchern, sei ihm verstümmelt, falsch kopiert, verschnitten, weggeworfen, kurz „zur Gänze ausgelöscht worden“.
 
Es ist vor allem den Bemühungen der Filmmuseen und Filmarchive zu verdanken, dass die Dinge heute nicht ganz so im Dunkel liegen wie zu Vertovs Lebzeiten. Das Österreichische Filmmuseum hat seit Mitte der 60er Jahre seine Werke gesammelt, gezeigt und teilweise restauriert, eine Auswahl seiner Tagebücher herausgegeben sowie – in engem Kontakt mit Elizaveta Svilova, seiner Witwe und wichtigsten Mitarbeiterin – zahlreiche Originaldokumente von und über Vertov erworben.
 
Die „zweite Vertov-Rezeption“ im Westen ist dadurch maßgeblich geprägt worden. Der vom Filmmuseum unterstützte Vertov-Schwerpunkt beim Stummfilmfestival in Sacile (2004) und die weltweit mit Begeisterung aufgenommene DVD-Edition zu Ėntuziazm (2005) setzten diese Tradition fort, die nun, mit der vorliegenden Retrospektive, einen neuen Höhepunkt erlebt.
 
Organisiert in enger Kooperation mit dem Russischen Staatsarchiv für Film- und Fotodokumente (RGAKFD), geht diese Schau weit über bisherige Vertov-Präsentationen in Wien hinaus. Sie versammelt viele seiner Werke, die im Westen bisher kaum bekannt waren.
 
Und sie wird begleitet von Vorträgen, Filmeinführungen und Podiumsdiskussionen mit internationalen Gästen sowie der Publikation eines reich illustrierten Buches, das den Teilnachlass Dziga Vertovs im Österreichischen Filmmuseum ausbreitet und für die Forschung zugänglich macht. Der Mann mit der Kamera, einer der einflussreichsten Filme aller Zeiten, wird erstmals seit der Zwischenkriegszeit in einer kompletten Fassung mit unbeschnittenem Bildformat gezeigt.
 
Diese Veranstaltung wäre ohne die Hilfe vieler Personen und Institutionen nicht möglich gewesen. Die ERSTE BANK unterstützt das Gesamtprojekt des Filmmuseums zur russischen „Kino-Revolution“. Unser großer Dank gilt Ljudmila Petrovna Zaprjagaeva, Natalja Kalantarova und Elena Kolikova (RGAKFD), Robert Gerschner und Guido Bruck im Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten für ihre unbürokratische und großzügige Hilfe sowie Barbara Wurm und Aleksandr Derjabin für ihre vielfältigen Hinweise und Anregungen.

Zusätzliche Materialien