The Big Sky: Amerikanische Western der 50er Jahre

The Searchers, 1956, John Ford

1. September bis 1. Oktober 2006

 

Zum Auftakt der neuen Saison präsentiert das Filmmuseum 40 herausragende Beispiele für ein klassisches Genre, dessen Wiederentdeckung auf der großen Leinwand seit langem ansteht. Dabei kommen zahlreiche Hauptwerke der großen amerikanischen Regisseure zur Aufführung – zumeist in neuen oder restaurierten Kopien: Filme von John Ford, Howard Hawks, Anthony Mann, Budd Boetticher, Raoul Walsh, King Vidor, Nicholas Ray, Jacques Tourneur, Sam Peckinpah, Arthur Penn u.v.a.
 
Gezeigt werden aber auch jene ungewöhnlichen Western, die altösterreichische Emigranten wie Fritz Lang, Otto Preminger, Edgar G. Ulmer, Fred Zinnemann oder André de Toth in Hollywood gedreht haben. Sie alle schreiben an einer umfassenden Erzählung, die in den Kulturwissenschaften manchmal mit dem Dramenwerk William Shakespeares oder mit der Ilias und dem Nibelungenlied verglichen wird – der Western als amerikanisches Nationalepos.
 
Die Retrospektive konzentriert sich auf die Ära der „erweiterten 50er Jahre“, von 1946 bis 1962, die Reifezeit des Western. Die rasche Revitalisierung und Transformation des Genres in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatte viele Facetten: Es gewann an Farbe (Duel in the Sun, Canyon Passage), an Weite (Red River, Wagon Master) und vor allem an psychologischer Komplexität (Pursued, The Gunfighter).Die Kriegserfahrung beförderte unromantische, naturalistische Darstellungen von Tod und Gewalt – im Zentrum stehen nicht mehr die Siege, sondern die Wunden und Krisen des Westernhelden: „Weil er als 'strahlender‘ Held nicht mehr glaubwürdig war, musste er tragisch werden.“ (Georg Seeßlen).
 
Auch die Bereitschaft, im allegorischen Gewand dieses Genres aktuelle Fragen der amerikanischen Innen- und Außenpolitik aufzugreifen, erreichte einen ersten Höhepunkt: Die Gunfighter Nation (Richard Slotkin) des Kalten Kriegs erkannte sich – mit all ihren Widersprüchen – in den Legenden und realen Konflikten des „Wilden Westens“, der Gunfighter Nation der Jahre 1860-1890 wieder.
 
Weder davor noch danach war der Western zugleich so „erwachsen“ und so populär wie in den 50er Jahren. Damit wurde er auch zu einem bevorzugten Terrain für die besten Schauspieler und größten Stars dieser Ära – er war kein ruhmloses B-Genre mehr, sondern eine Gelegenheit, ernsthafte Untersuchungen der beschädigten männlichen Psyche durchzuführen (wie z.B. James Stewart in den Filmen von Anthony Mann) oder das Verhältnis von Mythos und Wahrheit zu befragen (wie bei John Ford).
 
Das Ensemble von Darsteller/innen, das in dieser Schau zusammen findet, kommt dem Olymp des klassischen amerikanischen Filmschauspiels recht nahe – und zeugt von einer großen Vielfalt der Typen und Figuren: Robert Mitchum und Marlon Brando, Henry Fonda und Marilyn Monroe, Gary Cooper und Montgomery Clift, Dean Martin und Marlene Dietrich ... sowie: John Wayne, Ikone des Genres und einer der meistunterschätzten Schauspieler in der Geschichte Hollywoods.
 
Der Anspruch der „Wiederentdeckung“, den diese Retrospektive erhebt, mag irritierend erscheinen. Aber der Western, für Generationen von europäischen Cinephilen das Kino-Genre par excellence, ist ebendort, im Kino (wie auch in den kulturellen Debatten) nicht mehr präsent.
 
Gleichzeitig ist das, wovon er erzählt, weltweit in aller Munde – und umstrittener denn je: Amerika. Amerika als eine Geschichte der Gewalt und der Demokratie; als Traum von Freiheit und Gemeinschaft; als Alptraum des Konformismus und Rassismus; als Raum der Widersprüche und der Schönheit.
 
The Big Sky, der dieser Schau den Namen gibt, spannt sich über die eigentliche Arena des Western: das weite Land, sea of grass und bloody grounds, das zur historischen Grundlage des Traums, der Gewalt und des (dadurch) rasch wachsenden wirtschaftlichen Reichtums wurde. Der öffentliche Diskurs und die politische Philosophie in den USA kehren immer wieder zu diesem Boden zurück, auch heute noch, mehr als hundert Jahre nach seiner vollständigen Eroberung und Besiedelung durch die traum- und gewaltbereiten Abkömmlinge Europas.
 
Der Western zeigt, wie das Gemeinwesen der USA um ein Selbstbild ringt. Was kommt nach der Eroberung? Welche Vorstellungen von Glück, Recht und Regierung sollen durchgesetzt werden – und welche Mittel sind dabei legitim? Welche Mythen werden benötigt, um die moralischen Widersprüche und Klassengegensätze „in Schwebe“ zu halten, die dabei entstehen?
 
Fast alle Motivkomplexe des Genres sind mit solchen politischen Fragen verwoben: die Indianerkriege; die gewaltsame „Befriedung“ der wide open towns an der Grenze; das Spiel der Identitäten zwischen gunfighter und Sheriff; die Ökonomie der Pionierzüge und Viehtrecks; der Goldrausch und das Problem der Mob-Justiz; das Verhältnis zur „Dritten Welt“ (in Mexiko); der Klassenkampf zwischen neuen Besitzenden – Viehbarone, Bankiers, Eisenbahn-Bosse – und den kleinen, um ihre Träume betrogenen Siedlern und Schafzüchtern; und nicht zuletzt die gesetzlosen Volkshelden, die den Widerstand gegen Ausbeutung repräsentieren.
 
In einem Brief vom 21. Dezember 1877 beschreibt der Rancher J.H. Tunstall einen dieser historischen Outlaws, Billy the Kid: „Er spricht dauernd von Sozialismus und Kapitalismus und trägt das kleine Buch eines Engländers namens Karl Marx mit sich herum“.
 
Die Schau findet mit Unterstützung der US Embassy in Wien statt. Für die Buchreihe KINO des Filmmuseums im Zsolnay-Verlag erarbeitet Bert Rebhandl einen neuen Band zum Western-Genre, Western. Genre und Geschichte, der im Frühjahr 2007 erscheinen wird.

Zusätzliche Materialien