Notre musique
Eine Filmgeschichte der Gegenwart

Abouna, 2002, Mahamat-Saleh Haroun

1. bis 30. November 2006

 

Filmmuseen werden oft – und zu Recht – als Orte verstanden, an denen sich ein Bewusstsein über die historischen Grundlagen des aktuellen Kinos ausbilden kann. Aber die umgekehrte Perspektive ist nicht weniger wichtig – ein filmhistorischer Blick, der offen ist für die Jetztzeit: Filmgeschichte reicht immer herauf bis zum heutigen Tag, sie inkludiert das Kino der Gegenwart ebenso selbstverständlich wie Werke aus der Frühzeit oder "Klassiker" der 1930er, 50er und 70er Jahre.
 
Mit der Retrospektive Notre musique betont das Österreichische Filmmuseum diesen umgekehrten Blick und widmet sich der jüngsten "Epoche" in der (Film-)Geschichte. Gezeigt werden vierzig wesentliche Spiel- und Dokumentarfilme, die seit dem Jahr 2000 entstanden sind. Für die Auswahl waren nicht die berühmtesten, "meistdiskutierten" Filme der letzten Jahre maßgeblich, sondern die ungebrochene Kraft des Kinos, Zeugnis von der Welt zu geben. Nicht im Sinne des Festschreibens von Bestehendem, sondern als ein momenthaftes Festhalten von Umständen, die das Potential zur Veränderung in sich tragen.
 
Wo, in welchen Geschichten und Formen, finden Filmschaffende heute die Energie zur Erneuerung oder Transformation? Welche zeitgenössischen Arbeiten sind in der Lage, die soziale und politische Vorstellungskraft zu stärken, die für den modernen Film stets ein wesentlicher Antrieb war? Und: Wie könnte ein globales Bild des Kinos aussehen, dessen Konturen nicht automatisch "westlich" definiert und von den Distributionsmustern in Europa und den USA bestimmt sind?
 
Das Spektrum der Schau reicht dementsprechend weit: von eindrucksvollen Alterswerken (von Ousmane Sembène, Johan van der Keuken, Jean-Luc Godard oder Allan King) bis zu den Stimmen einer jungen Generation, die neue Erzählweisen erprobt oder ältere, verschüttete Formen neu belebt (Lucrecia Martel, Apichatpong Weerasethakul, Fanta Régina Nacro oder Travis Wilkerson). Vom populären und robusten Genrekino (Land of the Dead oder Veer Zaara) bis zu fragilen, radikal persönlichen Essays und "dokumentarischen Fiktionen" (bei Ana Poliak, Garin Nugroho oder Cristi Puiu). Von entlegenen Orten, an denen indigene Protagonisten ihre ureigenen Erzähltraditionen in Kino-Epik verwandeln (die Inuit in Atanarjuat, australische Aborigines in Ten Canoes) bis hin zu vertrauten Schauplätzen, die sich dank Migration und neuer Konfliktlinien massiv verändern (Batang West Side: die philippinische Diaspora in New Jersey; L’Esquive: die algerischen Kids an der Pariser Banlieue üben Marivaux).
 
Als Beitrag zu dem von Peter Sellars gestalteten Festival New Crowned Hope, das die prägenden Ideen aus Wolfgang Amadeus Mozarts letztem Schaffensjahr auf die politische Realität und die Kunstpraxis der Gegenwart projiziert, erzählt die Retrospektive nicht nur vom "Stand des Kinos". Sie ist auch vom Vertrauen getragen, dass Filme die Gegenwart erkennbar machen können: ganz verdichtet (oder "entschlackt"), in konkrete Bilder, Gesten, Konstellationen gefasst, herausgesprengt aus dem Kontinuum des Vergessens. Oder auch über die Erfahrung von Zeit, die Dauer eines Wegs (wie in Yi Yi oder Eureka) bzw. einer bestimmten, insistierenden Tätigkeit (La Libertad).
 
Herausgesprengt: ein von Porträts der Ermordeten und müden, schuldhaften Gesten der damaligen Mörder erfüllter Raum in einem Todeslager der Roten Khmer (S21, la machine de mort Khmère rouge von Rithy Panh). Ein Entertainment-Zentrum in Peking, das den Begriff des global village ins Bild setzt – Weltmaschine aus lauter Simulakren, vom Taj Mahal bis Las Vegas (Shijie / The World von Jia Zhangke). Ein israelischer Filmemacher, der mit seinem palästinensischen Freund telefoniert, eingehüllt von jenen Angst- und Rachefantasien, die in ihrem gemeinsamen Territorium wie böse Blumen blühen (Avenge But One of My Two Eyes von Avi Mograbi). Eine Gruppe von Kindern am Spielplatz, die die zuvor geschilderte Liebestragödie weitererzählen und in Sekundenschnelle "durchschlagen", so wie manchmal die Sonne durch den grauen Himmel bricht (Sehnsucht von Valeska Grisebach).
 
All das ist Teil "unserer Musik": die Texturen, der Sound, die Räume und Figuren, die den abstrakten Begriff der "zeitgenössischen Realität" mit Leben erfüllen. Notre musique, der von Jean-Luc Godard entliehene Titel der Schau ist neutral, was die dunklen und hellen Anteile dieser Musik betrifft. Er versteht sich nicht als Fluchtbewegung vor dem "Horror des Realen". Aber er erlaubt sich, jene "feinen und spirituellen Dinge" hinzuzufügen, die laut Walter Benjamin gerade im Kampf um die rohen, materiellen Angelegenheiten lebendig sind: Zuversicht, Mut, Humor, List, Unentwegtheit. Das Kino hat die Fähigkeit, diese Kräfte weiterzugeben.
 
Mehr als die Hälfte der gezeigten Filme wurde in Österreich bisher nicht im Kino verliehen, einige davon sind Premieren. Die sieben neuen, für New Crowned Hope kommissionierten Filme werden im Rahmen dieser Schau ebenfalls im Filmmuseum gezeigt. Mehrere Filmemacher werden anwesend sein und über ihre Arbeit sprechen.
 
Zur Eröffnung der Retrospektive am 1. November läuft – gemeinsam mit dem Film von Godard – ein kleines, schillerndes Einsprengsel von Rudy Burckhardt und Joseph Cornell aus dem Mozartjahr 1956: What Mozart Saw on Mulberry Street.
 
Ein Programm im Rahmen von New Crowned Hope. Mit Dank an Peter Sellars, Simon Field und Keith Griffiths.

Zusätzliche Materialien