Andy Warhol. Filmmaker

Andy Warhol: Portraits of the Artist as a Young Man, 1964, Gerard Malanga © Archives Malanga

1. bis 31. Oktober 2005

   

"Sieht man sich Warhols Filmwerk in seiner Gesamtheit aufs Neue an, so ist man vor allem verblüfft von der Vielzahl und Variationsbreite der Menschen, Träume, Gesichter und Temperamente, mit denen seine Filme angefüllt sind. Andy Warhol ist der Victor Hugo des Films. Vielleicht auch der Dostojewski."  Jonas Mekas

 

Die traditionelle große Retrospektive, die das Filmmuseum jeden Oktober gemeinsam mit der Viennale ausrichtet, gilt heuer dem filmischen Schaffen von Andy Warhol – einem unvergleichlichen und enorm einflussreichen Werk, das über einen Zeitraum von nur fünf Jahren entstand, auf dem Höhepunkt der „Factory“. Zwischen Juli 1963 (Sleep) und Herbst 1968, als Warhol seine Regietätigkeit beendete, drehte er rund 60 veröffentlichte und ein paar hundert unveröffentlichte Filme.

 
Die Intensität dieser Arbeit, ihre radikale Neuheit und Warhols Status als „artist of the moment“ (samt seiner Umgebung von „Superstars“) trugen dazu bei, dass die Filme rasch weltweiten Ruhm erlangten. Doch kaum jemand hat sie wirklich gesehen: Warhol zog seine Filme 1972 aus der Öffentlichkeit zurück, nach seinem Tod begann um 1990 eine langwierige, noch heute andauernde Phase der Filmrestaurierung. So wird erst langsam der Reichtum sichtbar, der diesem Werk innewohnt – aufgespannt zwischen Kunst und Dokument, Glamour und Minimalismus, verzauberten 4-Minuten-Porträts berühmter und unbekannter Menschen (den sogenannten Screen Tests) und epischen Leinwänden aus Zeit und Bild (wie Sleep oder Empire).

 
Die Retrospektive versammelt rund 30 zentrale Arbeiten des Künstlers sowie – als eigenen Schwerpunkt – mehr als hundert Beispiele für die legendären Screen Tests, die bislang in Europa noch kaum gezeigt worden sind. Die Programmauswahl wurde vom großen amerikanischen Filmemacher Jonas Mekas getroffen, einem langjährigen Freund, Mitarbeiter und profunden Kenner der Filme Warhols.

 
Die signifikanten Momente und Entwicklungsschritte von Andy Warhols Kino lassen sich in Mekas’ Auswahl genau nachvollziehen. Abgesehen von einem frühen, spielfilmhaften Bohème-Trip (Tarzan and Jane Regained... Sort of mit Dennis Hopper und Taylor Mead) ist das erste Jahr Filmarbeit geprägt von den stummen, nur scheinbar „ereignislosen“ Minimal-Filmen wie Blow Job, Eat, Haircut, Kiss und den ersten Screen Tests. Der filmische Grundbaustein dieser Werke ist die stumme 30-Meter-Filmrolle, d.h. ungeschnittene vierminütige Einstellungen (in leicht verlangsamter Projektion), in denen die Performer zwischen Trance und größter Präsenz schweben.

 
Mit dem Erwerb einer Auricon-Tonfilmkamera Ende 1964 ging Warhol zur Inszenierung und Aufzeichnung dramatischer Stücke und Improvisationen über: In Filmen wie Harlot, Camp, Hedy oder Vinyl entstehen die „Superstars“ als flamboyante Gebilde aus Körper und Stimme – Mario Montez, Gerard Malanga, Baby Jane Holzer oder der Underground-Künstler Jack Smith, der Warhols wichtigstes Vorbild als Filmemacher war. Es handelt sich bei diesen „Dramen“ auch um soziale Experimente unter den Vakuum-Bedingungen der Factory.

 
Die Jahre 1965 und 66 sind am stärksten geprägt durch Warhols Zusammenarbeit mit The Velvet Underground & Nico (die an sieben Filmen der Schau und zahllosen Screen Tests musikalisch und darstellerisch beteiligt sind) sowie mit dem fabelhaften Poor Little Rich Girl Edie Sedgwick, die bei sechs Filmen im Zentrum steht. Wenn Popkultur, Kunst, Underground und High Life je einen gültigen gemeinsamen Moment besaßen, dann war es dieser historische Moment, die Ewigkeitssekunde zwischen „Femme Fatale“ und „All Tomorrow’s Parties“, zwischen Kitchen und Beauty No. 2, zwischen Outer und Inner Space – in Doppelprojektion, mit Musik aus beiden Lautsprechern des fragilen 16mm-Projektors und Gerard Malanga an der Peitsche.

 
The Chelsea Girls, Warhols intensives, dreistündiges Panorama „seiner“ Szene wird ab September 1966 wider Erwarten – und ohne seine bisherige filmische Praxis zu verraten – zu einem kommerziellen Erfolg. Seine spielerische, berechnend-unschuldige Analyse des Zeitalters der Medien und der Ökonomie der Aufmerksamkeit macht Warhol nun selbst zu einer Ikone der Aufmerksamkeit. Er ist im Begriff, als „normaler Regisseur“ missverstanden zu werden – und die erzählerischen Filme der Spätphase wie My Hustler (mittlerweile ein Klassiker des schwulen Kinos), Bike Boy oder Imitation of Christ geben tatsächlich eine Ahnung davon, wie Warhols Karriere als ironischer Independent- oder „Kult“-Regisseur aussehen hätte können. Doch Ende 1968, nach dem überstandenen Attentat auf sein Leben, übergibt er die eigentliche Filmarbeit an Paul Morrissey und realisiert für sich selbst das „Konzept Studioboss“ – den aberwitzigen Traum einer Medien-Mogulerie, zu der die Zeitschrift Interview ebenso zählt wie seine TV-Projekte und sein öffentlicher Status als Schöpfer von Moden und Modellen.

 
Warhols eigentliches Filmwerk bis 1968 steht in schönem Kontrast zum Warhol-Image der 70er und 80er Jahre. Seine Biografie und seine Interessen schlagen sich hier auf persönlichere Weise nieder, als man glauben möchte: „Warhols Platz als Künstler innerhalb der Avantgarde; seine persönlichen und beruflichen Beziehungen; seine Identität als Homosexueller innerhalb der verschiedenen Szenen der 60er Jahre; sein Interesse für Pornografie – all diese Aspekte haben explizite Spuren in seinen Filmen hinterlassen.“ (Callie Angell)

 
Der Dichter Helmut Heissenbüttel schreibt 1968: „Was ich Warhol verdanke, erkenne ich daran, dass er mir gezeigt hat, wie ich mit Hilfe der Kamera sehen kann.“ Und man möchte hinzufügen: wie ich mit Hilfe der Kamera und der Leinwand angesehen werden kann. Es geht hier, trotz gegenteiliger Vorwürfe, nie um Voyeurismus: Der Betrachter wird ebenso einbezogen wie die „Superstars“ – er wird virtuell selbst zum Superstar. „I’ll Be Your Mirror“: Die Warhol-Filme blicken immer zurück.

 
Das Filmmuseum zeigt in dieser Schau mehrere Doppelprojektionen. Screen Tests sind auf verschiedene Programme verteilt und zusätzlich – mit gänzlich anderen Beispielen aus der Serie – im Rahmen der Screen Tests Extravaganza am 16.10. (14 bis 19 Uhr) zu besichtigen. Dieser Modus der „Installation auf Zeit“ gilt auch für Sleep (am 21.10. von 20.30 bis 2 Uhr) und Empire (23.10. von 12 bis 20.30 Uhr). Alle drei „Extravaganzas“ finden bei freiem Eintritt und durchgängigem Barbetrieb statt. Sleep wird mit leisem Live-Radio-Ton gezeigt, nach dem Vorbild einiger Screenings, die Andy Warhol mit diesem Film während der 1960er Jahre veranstaltet hat.

 
Weiters zeigt das Filmmuseum mehrere Filme über Warhol, darunter Arbeiten von Jonas Mekas, Marie Menken, Gerard Malanga und die grandiose Wiederentdeckung The Match Girl von Andrew Meyer (die nebenbei die Entstehung der Screen Tests dokumentiert).

 

Eine Veranstaltung von Viennale und Filmmuseum kuratiert von Jonas Mekas. Zur Retrospektive erscheint ein Katalog mit Originaltexten und Interviews zu Andy Warhol sowie ausgewählten historischen Beiträgen. Als Gäste werden Mitarbeiter Warhols wie Gerard Malanga erwartet.

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