Bonjour Cinéma: Jean Epstein und das französische Kino der 20er Jahre

La Chute de la Maison Usher, 1928, Jean Epstein

2. bis 21. November 2005


Von den Größten des Films ist Jean Epstein (1897–1953) der unbekannteste. Sein künstlerisches und intellektuelles Heimatland – die Pariser Moderne der 1920er Jahre – verbindet sich mit vielen prominenten Namen, die den seinen überlagert haben. Aber die visionäre Kraft von Epsteins Filmen und Schriften wird seit einigen Jahren immer stärker sichtbar: Seitdem er in den Kinobüchern von Gilles Deleuze als eine Hauptfigur des neuen Filmdenkens auftrat, ist der Name Epstein im Begriff, neben Eisenstein, Vertov, Rossellini und Godard zu landen – als einer jener, die das moderne Kino erfunden haben.
 

Mit Epstein als Kaleidoskop und Vergrößerungsglas blickt die November-Retrospektive des Filmmuseums auf eine ganze Epoche der Filmgeschichte zurück: die aufregenden 20er Jahre im französischen Kino. In ihrer Wirkung auf den späteren Fortgang des Mediums sind die Pariser Filmbewegungen dieser Ära nur mit der parallel verlaufenden Kino-Revolution in der Sowjetunion vergleichbar. Im Mittelpunkt der Schau stehen die zwölf bedeutendsten Filme von Jean Epstein, entstanden zwischen 1923 und 1947. Von ihnen führen unterschiedliche Pfade zu 25 weiteren Meisterwerken des französischen Films.
 

Epstein war Emigrant: geboren in Warschau, kam er als Elfjähriger nach Paris und studierte erst Medizin. Aber schon mit 24 stellt er sich als leidenschaftlicher Cineast vor. Sein erstes Buch Bonjour Cinéma ist ein Fiebertraum vom Kino. Seine ersten Filme – von der poetisch-realistischen Liebesgeschichte Coeur fidèle (1923) bis zum meisterlichen Abenteuer-Serial Les Aventures de Robert Macaire (1925) – setzen diesen Traum in  Taten um. Epstein kümmert sich nicht darum, ob seine Filme künstlerisch oder kommerziell genannt werden, für ihn gilt nur das Kino – die wahre Poesie des Maschinenzeitalters; eine neue Philosophie von Zeit und Bewegung; eine Avantgarde, die zugleich Massenkunst sein kann.
 

Die nächste Phase seines Werks besteht aus drei Film-Kristallen, in denen das Kino gleichsam über sich selbst nachdenkt: Six et demi onze, La Glace à trois faces und die bis heute unübertroffene Poe-Verfilmung La Chute de la Maison Usher. Die Filme üben sich in Spiegelungen, narrativen Experimenten, rasender Beschleunigung und tranceartiger Verlangsamung. Statt Film-Impressionismus regiert bei Epstein eine einzigartige Allianz aus populären Sujets und moderner Erzählkunst.

 

Keine Stillleben, sondern lebendige Objekte. Keine festen Körper, sondern fluoreszierende Zeit, rauschhaft freigesetzte Bewegung. Und Wasser, immer wieder Wasser. Dorthin zieht es Epstein ab 1929: Er verlässt Paris und beginnt in der Bretagne ein drittes Film-Leben. Seine bretonischen Filme, durchwegs mit Laien und in der freien Natur gedreht, sind neoverismo, lange bevor es diesen Begriff gibt – ein Kino der „dokumentarischen Fiktion“, das in Finis terrae (1929), L’Or des mers (1932) und Le Tempestaire (1947) seine wunderbarsten Beispiele findet. Kino wie die Leuchttürme und Stürme am Atlantikufer.  
 

Die ungezähmte Bilderlust teilt Epstein mit großen Zeitgenossen, deren Hauptwerke nun in der Schau Bonjour Cinéma versammelt sind. Es ist eine Enzyklopädie dessen, was im Kino möglich war, kurz bevor der Stummfilm das Zeitliche segnete: die Filme der Feministin und Kinotheoretikerin Germaine Dulac und die Beiträge von Antonin Artaud; die wilde Komödiantik von René Clair und der entfesselte Tanz von Jean Grémillons Maldone; die Straßen des Verbrechens, teilweise mit versteckter Kamera gefilmt (Crainquebille von Jacques Feyder) und die großen, budgetsprengenden Film-Romane wie Jean Renoirs Nana (nach Zola) und Marcel L’Herbiers Feu Mathias Pascal (nach Pirandello); die gehemnisvollen Hafengeschichten von Alberto Cavalcanti und Louis Delluc – und das Antlitz von Ivan Mosjoukine, dem bewegendsten und populärsten Filmschauspieler dieser Ära.

 

1924 gab Mosjoukine den Helden in Epsteins Lion des Mogols und im Jahr davor war er die Triebkraft für zwei Höhepunkte der 20er Jahre: als Regisseur von Le Brasier ardent (der Film, der den Kinobesucher Renoir zum Kinomacher werden ließ) und als Hauptdarsteller jenes „Ciné-Roman“, der seit seiner Wiederentdeckung im Jahr 2002 als Meisterwerk unter den populären Serials gilt: La Maison du mystère. Der Titel ist Programm – auch für die ganze Retrospektive: Im „Haus der Geheimnisse“ lässt sich das Kino immer wieder neu erfinden.

 

Die Retrospektive findet in enger Zusammenarbeit mit der Cinémathèque Française statt, deren prächtige, neu restaurierte Kopien die Schau zu einem visuellen Fest werden lassen. Claudine Kaufmann, die Leiterin der Cinémathèque-Sammlungen, wird in Wien Einführungen zu mehreren Filmen  geben. Ein besonderer Dank für ihre vielfältige Inspiration und Unterstützung dieses Projekts gilt Nicole Brenez. Sie wird im kommenden Jahr auch als Herausgeberin eines FilmmuseumSynema-Buches fungieren, das die Schriften von Jean Epstein erstmals in deutscher Sprache verfügbar macht.

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