Jean-Pierre & Luc Dardenne und Filme von Benoît Dervaux

Jean-Pierre und Luc Dardenne

20. bis 30. November 2005

 

Mit ihren letzten vier Filmen (La Promesse, Rosetta, Le Fils und L’Enfant) haben sich die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne unter die wichtigsten Regisseure des Gegenwartskinos eingereiht. Zweimal – 1999 mit Rosetta und 2005 mit L’Enfant – wurden sie in Cannes mit der Goldenen Palme gewürdigt. In Zusammenarbeit mit dem Festival EU XXL film präsentiert das Filmmuseum nun die erste Retrospektive in Österreich zum Schaffen der Dardennes.
 
Neben ihren großen Arbeiten der letzten zehn Jahre stellt die Schau erstmals das ungewöhnliche Frühwerk vor. Von den Dokumentarfilmen, die die Dardennes in den 1970er und 80er Jahren als „Video-Pioniere“ herstellten, führt eine Spur zum späteren Werk, das seine einzigartige Kraft auch der Rückbesinnung auf dokumen­tarische Techniken verdankt. Dazwischen liegen die „Übergangs­filme“ Falsch (1987) und Je pense à vous (1992), zwei durchaus ­anders gelagerte Versuche mit der fiktionalen Form.
 
Ein weiterer Werk-Kreis schließt sich durch das Zusatzprogramm: drei dokumentarische Arbeiten von Benoît Dervaux, der seit langem für die prägnante, eindrucksvolle Handkameraführung bei den Dardenne-Filmen zeichnet. Dervaux' Werke sind in ihrer prononcierten Beschäftigung mit sozialen Außenseitern den Filmen der beiden Brüder nicht nur thematisch und „moralisch“ verwandt, sondern wurden auch von ihnen produziert. Dieser Kontext macht deutlich, dass Luc und Jean-Pierre Dardenne als einflussreiche euro­päische Filmemacher nicht – entsprechend einem häufigen Miss­verständnis – gleichsam „alleine“ für das Kino Belgiens stehen (so wie Aki Kaurismäki eben nicht das finnische Kino „ist“), sondern zu einem größeren und lebendigen Umfeld gehören.
 
Jean-Pierre und Luc Dardenne (geboren 1951 und 1954) wachsen als Kinder einer Mittelklassefamilie in der Stahlarbeiterstadt Seraing bei Liège auf, am Ufer der Maas. Die großen Streiks der 1960er Jahre hinterlassen einen prägenden Eindruck – zumal die Schulen während der Streiks geschlossen bleiben. Nach dem Schauspiel- (Jean-Pierre) bzw. Philosophiestudium (Luc) kehren sie unter dem Einfluss von Jean-Pierres Lehrer Armand Gatti in ihre Heimat zurück, um die kreativen und politischen Möglichkeiten von Film und Video zu erforschen. Durch Arbeit in der Zementfabrik können sie ein Video-Equipment finanzieren und drehen in den frühen 70er Jahren kurze, interventionistische „Flugblatt-Filme“ über die Auswirkungen der grassierenden Rezession. 1975 gründen sie die Produktionsfirma Dérives mit dem Ziel, die belgische Tradition des sozialen Aktivismus zu erneuern. Als Produzenten sind sie bis heute für Geistesverwandte und Mitstreiter tätig.
 
In und um Seraing entsteht ab 1978 ein verblüffend vielfältiger Werkblock: Videos etwa über den Widerstand während der Streikjahre und was davon blieb (Pour que la guerre s'achève, les murs devaient s’écrouler), über die Freien Radios Europas als alternative Informationsträger, die von den Änderungen der Medienlandschaft betroffen sind (R... ne répond plus), sogar über die Geschichte ­Polens, erzählt von polnischen Auswanderern in Belgien (Leçons d’une université volante). Obwohl sich die Videos stilistisch von den späteren Spielfilm-Triumphen der Dardennes unterscheiden, zeigen sich hier wesentliche Keime: das Interesse an „Verlierern“ der Gesellschaft und an sozialen Utopien, der dokumentarische Blick auf die Dinge und vor allem die Bereitschaft, im heimatlichen Seraing Geschichte(n) zu finden. Das Dardenne-Kino ist regional im besten Sinne: Sein universaler Anspruch wird durch jene Detailgenauigkeit untermauert, die nur dort möglich ist, wo man von dem erzählt, was man kennt, und von dort, wo man lebt.
 
Der Wechsel zum Spielfilm erfolgt 1986 mit einer Theaterver­filmung: Falsch. Der Kassenflop des überaus interessanten Arbeits­losendramas Je pense à vous lässt die Dardennes radikal umdenken; gerade in den melodramatischen Aspekten (Starschauspieler, Musik, „schöne“ Bilder) erkennen sie letztlich die Defizite der Arbeit. Mit La Promesse (1996) beginnt die Perfektionierung eines kompromisslosen Stils. Dessen realistische Unmittelbarkeit verdankt sich enormer szenischer Verdichtung und der durch viele Wiederholungen erarbeiteten Natürlichkeit in den Gesten und Bewegungen der Akteure. Ab Rosetta sind die Filme noch stärker von der ruhelosen Handkamera geprägt, die ein nahezu physisches Spannungsverhältnis zu den Körpern der Schauspieler erzeugt. Fragen zu Arbeit, Gesellschaft und Ethik werden in diesen Erzählungen auf ­kraftvolle Weise gebündelt (in Rosetta sind die Ideen von Arbeit und Menschenwürde untrennbar). Und sie stehen jeglicher Didaktik fern: Die Verhältnisse in Dardenne-Filmen sind stets wirklichkeitsnah komplex, die Figuren zutiefst ambivalent. Der Einfluss des französi­schen Meisters Robert Bresson äußert sich in der eigenständigen Verbindung von materialistischem Stil und spirituellem Gehalt – die Filme der Dardennes sind nicht nur hochpräzise Gesellschafts­bilder, sondern stets auch Fabeln vom Ringen um Gnade.
 
Die Schau ist ein gemeinsames Projekt von Filmmuseum und „EU XXL film – forum and ­festival of european film“. Jean-Pierre & Luc Dardenne sowie Benoît Dervaux werden in Wien anwesend sein und im Filmmuseum über ihr Werk sprechen.

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