Victor Sjöström | Mauritz Stiller und die Schwedische Stummfilmschule

The Wind, 1918, Victor Seastrom

6. bis 30. November 2008

 

Das filminteressierte Publikum kennt die große Ära des schwedischen Kinos heute fast nur noch aus den Geschichtsbüchern. Nun bietet das Filmmuseum erstmals in Österreich die Gelegenheit, die Meisterwerke von Victor Sjöström und Mauritz Stiller in umfassender Weise kennen zu lernen; in restaurierten Kopien und im Zusammenspiel mit neuen Filmkompositionen, die Matti Byes Panoptikon Orchestra am Eröffnungswochenende live darbieten wird. Weitere Protagonisten dieser Schau sind: Greta Garbo, deren Laufbahn durch Stiller und Sjöström in Schwung kam; die dänischen Regisseure Carl Theodor Dreyer und Benjamin Christensen, die um 1920, angelockt vom „schwedischen Filmwunder“, nach Stockholm kamen; oder der„Maverick“ Georg af Klercker, der Ende der 1910er Jahre einige herausragende Filme realisierte und erst spät wiederentdeckt wurde.
 
Victor Sjöström (1879–1960) und Mauritz Stiller (1883–1928) sind die beiden „Leuchttürme“ jener Ära, in der der schwedische Film die führende Rolle im Weltkino einnahm. Beide hatten als Schauspieler und Theaterregisseure Karriere gemacht, als sie 1912 vom legendären Produzenten Charles Magnusson für dessen neues Filmstudio verpflichtet wurden. Sie übten sich rasch in die neue Kunst der Filmregie ein, in fünf Jahren entstanden 64 Filme unter Sjö­ströms oder Stillers Regie. Aber erst in den Jahren 1917-24, beginnend mit Sjöströms Terje Vigen, kam jene Serie großer Werke ins Kino, die fortan als „Goldenes Zeitalter“ bezeichnet werden sollte.
 
Als Terje Vigen (nach einer Ibsen-Dichtung) zum Riesenerfolg bei Publikum und Kritik avancierte, änderte Magnusson die Produk­tionspolitik radikal: Statt 20 Kinostarts im Jahr wurden nur noch ­wenige, dafür längere und höher budgetierte Filme herausgebracht. Zwei Charakteristika des Films blieben bestimmend für die folgende Ära – die Bearbeitung literarischer Vorlagen und die spektakuläre visuelle Qualität. Sjöström und sein Kameramann Julius Jaenzon hatten on location gedreht, die Landschaft aber nicht nur als „schönen Hintergrund“ für das Drama benutzt, sondern als Zone einer intensiven Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur.
 
Dieser integrierte Ansatz wurde zum „exotischen“ Markenzeichen des schwedischen Films. Er prägte viele Klassiker dieser Jahre, z.B. Sjöströms Berg-Ejvind und seine Frau und Stillers Johan,und galt neben der hohen technischen Qualität und dem zurückhaltenden Schauspiel als Hauptfaktor für die große Beliebtheit der Filme beim internationalen Publikum. Ein weiterer, prosaischer Grund für den weltweiten Erfolg war die Tatsache, dass während des Ersten Weltkriegs und kurz danach die Filme aus einem neutralen Land wie Schweden viel leichteren Zugang zu ausländischen Märkten hatten.
 
Die reichste literarische Quelle für die Filme war das Werk von Selma Lagerlöf. Ihre ländlichen Schauplätze eigneten sich perfekt für das Kino – ganz im Sinne der international gefeierten „Schwedischkeit“. Auch ihr Spiel mit der Geisterwelt und metaphysischen Elementen ließ sich gut in filmische Begriffe übertragen – am perfektesten in Stillers Herrn Arnes Schatz und Sjöströms Körkarlen (Der Fuhrmann des Todes). Dank seiner erstaunlichen Erzähl­struk­tur, dem genialen Einsatz von Mehrfachbelichtungen und der Darsteller­leistungen (Victor Sjöström spielt, wie so oft, die Hauptrolle) ist Körkarlen häufig als größter schwedischer Film überhaupt bezeichnet worden.
 
Mauritz Stillers bedeutendste Werke sind oft von Ironie und selbstreflexiven Erzählkonstruktionen gekennzeichnet – am schöns­­ten in der ungemein lebendigen, rasanten Komödie Thomas Graals bester Film. Mit der eleganten Ehekomödie Erotikon trieb er den Sarkasmus auf die Spitze – auch mit Hilfe der vieldeutig gestalteten Zwischentitel. Stillers letzter schwedischer Film war das Epos Gösta Berlings Saga – der Auftakt zu Greta Garbos ­Welt­karriere. Stiller fuhr mit ihr nach Berlin, wo sie 1925 in Die freud­lose Gasse mitwirkte, und dann nach Hollywood. Während Garbo dort zu ­ewigem Ruhm kam, kehrte Stiller wenig später frustiert zurück. Er hatte in den USA nur einen Film realisieren können. ­Sjöströms US-Karriere ab 1923 verlief weitaus erfolgreicher – zwei heraus­ragende Beispiele für seine Arbeit in Hollywood sind in ­dieser Schau zu sehen: He Who Gets Slapped und The Wind mit Lillian Gish.
 
Die Retrospektive wird komplettiert durch Werke anderer Künstler, darunter der Animationsfilmer Victor Bergdahl; der „Feminist“ Per Lindberg; Carl Theodor Dreyer, dessen Frühwerk Die Pfarrers­witwe trotz seines ureigenen Stils einen spezifisch schwedischen „Look“ besitzt; oder der Kultregisseur Benjamin Christensen: Sein unvergleichliches Meisterwerk Häxan dramatisiert in suggestiven und exzessiven Bildern die mittelalterlichen Vorstellungen vom Teufel und dessen Spießgesell(inn)en. Einer, der 1912 als „Dritter im Bunde“ neben Mauritz Stiller und Victor Sjöström ins Kino gestartet war, blieb zeit seines Lebens ein Außenseiter: Georg af Klercker zerstritt sich mit ­Pro­duzent Charles Magnusson und konnte für die Göteborger Konkurrenzfirma Hasselblad nur wenige, visuell faszinierendere Abenteuerfilme drehen. Als Magnussons Firmenimperium 1919 auch Hasselblad unter seine Kontrolle brachte, war Klerckers Karriere ­beendet.
 
Die Schau wurde von Jon Wengström, dem Leiter der Sammlungen des Schwedischen ­Filminstituts kuratiert. Viele der gezeigten Kopien sind neu restauriert und erstmals in Österreich zusehen.
 
Am Eröffnungswochenende spielt Matti Byes Panoptikon Orchestra drei seiner gefeierten Film Scores live im Filmmuseum – Körkarlen, Häxan und Erotikon. In der Woche darauf wird Gerhard Gruber drei weitere Hauptwerke der Schau auf dem Klavier begleiten.
Die Retrospektive wurde ermöglicht durch die großzügige Unterstützung des Schwedischen Filminstituts und der Schwedischen Botschaft in Österreich.

 

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