Val Lewton
Die Wirklichkeit des Schreckens

I Walked With a Zombie, 1943, Jacques Tourneur
13. bis 25. März 2009
 
Mit dem Namen Val Lewton (1904–51) verbindet sich ein besonderer Augenblick im amerikanischen Kino: Die neun Horrorfilme, die Lewton zwischen 1942 und 1946 im RKO-Studio produzierte und mit einer ganz persönlichen Weltsicht ausstattete, gelten gemeinhin als Geburtsstunde eines Kinos, in dem das Grauen nur angedeutet, nicht ausbuchstabiert wird – mit enormem Effekt. Die Methode hatte auch finanzielle Gründe (bei einem Budget von maximal 150.000 Dollar musste Erfindungsreichtum teure Tricks und Dekors ersetzen), aber sie entsprach vor allem Lewtons europäischer Prägung und seinen literarischen Vorlieben.
 
Der Überraschungserfolg seiner ersten Produktion Cat People verschaffte ihm Freiraum, um an einer intelligenten und ­erstaun­lichen Vision des Unheimlichen zu arbeiten: Lewtons RKO-Produktionen sind atmosphärisch, getragen und subtil, entwickeln dabei einen hypnotischen Sog von eigenartiger Intensität – weil die Imagi­nationskraft des Zusehers eingebunden wird. Diese Kunst der Be­unruhigung hat eine entscheidende Traditionslinie im „unwirklichen“ Kino geprägt, zugleich liefern Lewtons Filme aber auch ein ­heim­liches Porträt wirklicher Ängste: die USA im Krieg, geplagt von Zweifeln zuhause, erfüllt von Trauer über die Toten in Übersee.
 
Die ersten RKO-Filme Lewtons – Cat People, I Walked With a Zombie und The Leopard Man – sind längst als Klassiker anerkannt, auch weil sie von Jacques Tourneur inszeniert waren, einem Meister der verhuschten Zwischentöne, der in Lewton den perfekten Partner fand. Die folgenden Filme sind nicht weniger verblüffend: Hinter teils reißerischen, vom Studio vergebenen Titeln verbirgt sich jene Kultiviertheit und Melancholie, die Lewtons tragisch kurze Laufbahn bestimmten. Seine künstlerischen Erfolge galten wenig im Umfeld der B-Pictures, und die kommerzielle Seite machte ihn unglücklich: „He may have lacked the temperament for the movie business, but he had the temperament for movies“, heißt es in Kent Jones’ poetischem Porträtfilm Val Lewton: The Man in the Shadows.
 
In Lewtons Temperament ist jene ukrainische Herkunft spürbar, die seine Familie nach der US-Emigration 1909 schnell verdrängte; den Hang zum Mysteriösen führte er selbst auf den Einfluss seiner Tante zurück, der von Gerüchten umwehten Film- und Theaterdiva Alla Nazimova. Lewtons erster Beruf war Zeitungsreporter, aber bald fabrizierte er pulp fiction und Poesie. Als eines seiner Bücher 1932 zum Bestseller (und Filmstoff) wurde, übersiedelte er nach Hollywood. An der Seite von David O. Selznick erwies er sich als vielseitig talentiert und wurde schließlich mit der Leitung des horror unit bei RKO betraut.
 
Val Lewtons philosophische Schreckensmärchen überschreiten übliche Genregrenzen. The Curse of the Cat People etwa ist ein außergewöhnlicher Ausflug in die Fantasie eines Kindes – und alles andere als die „Fortsetzung“ eines Kassenschlagers. Auch Inspirationen aus der Literatur (Jane Eyre im Fall von I Walked With a Zombie, Robert Louis Stevenson bei The Body Snatcher) oder der Kunst – Arnold Böcklin (Isle of the Dead), William Hogarth (Bedlam) – tragen zur paradoxen Dichte und Vielfalt der auf den ersten Blick so kargen Filme bei. Aus Budgetgründen mussten Lewton und sein Team alte RKO-Dekors wiederverwenden, am öftesten die Treppe aus Orson Welles’ The Magnificent Ambersons, der vom Studio verstümmelt worden war – eine „kongeniale“ Vorahnung, denn so wie Welles war Lewton kein Glück bei RKO beschieden. Er schaffte es zwar noch, seine Schnittmeister Mark Robson und Robert Wise in den Regiestuhl zu befördern, doch die Auflagen der Studiochefs, die seine Filme für „verwirrend“ hielten, kränkten ihn mehr und mehr. Befragt nach seiner „Botschaft“, replizierte Lewton trocken: „Death is good“.
 
Zuletzt wurde ihm der Monsterdarsteller Boris Karloff aufgezwungen, der sich aber als verwandte Kunstliebhaber-Seele entpuppte. Er bereicherte noch drei Hauptwerke Lewtons, deren letztes, Bedlam, ein Vermächtnis ist: „Deswegen bin ich hier“, sagt ein Irrenhausbewohner, nachdem er – im 18. Jahrhundert – die Erfindung des Kinos herbei fantasiert hat. Wenig später wurde Lewton entlassen. Mit 46 Jahren umfing ihn jene ewige Dunkelheit, die seine Filmfiguren unwiderstehlich anzog.
 
Zum Auftakt der Retrospektive wird der Autor, Regisseur und Filmkritiker Kent Jones zu Gast sein und einige Einführungen halten sowie sein Filmporträt über Val Lewton vorstellen, das von Martin Scorsese produziert worden ist.
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