Jean-Pierre Léaud

Out 1 - Spectre
3. April bis 7. Mai 2009
 

Mit dem Schauspieler Jean-Pierre Léaud würdigt das Filmmuseum im April eine Schlüssel­figur des europäischen Kinos. Die Retrospektive mit über 40 Filmen Léauds wird ergänzt durch ­eine Ausstellung im Palais Clam-Gallas (Institut Français de Vienne), die Vintage-Fotografien und Originalplakate aus der Sammlung des Film­museums zeigt und Léauds Laufbahn über fünf Jahrzehnte hinweg illustriert. Vom 18. bis 20. April ist Serge Le Péron, dessen Filme mit bzw. über Léaud ebenfalls im Rahmen der Schau zu sehen sind, zu Gast im Filmmuseum.
 
Durch die Darstellung des verwirrten Jungen Antoine Doinel in François Truffauts Klassiker Les Quatre cents coups (1959) erlangte Léaud bereits im Alter von 15 Jahren schlagartig Weltruhm. In den folgenden Jahren wurde er zum ikonischen Schauspieler der Nouvelle Vague, auch weil seine unkonventionelle Spielweise genau jene Frische und Authentizität auf den Punkt brachte, die Frankreichs junge Filmemacher für sich beanspruchten. Bei Truffaut war Léaud bevorzugt ein verträumter Charakter, so etwa in vier weiteren Doinel-Filmen, die dem Lebenslauf der Figur über zwei Dekaden folgten. Jean-Luc Godard hingegen besetzte ihn Mitte der 1960er Jahre in einer Reihe berühmter Filme als modisch-engagierten ­Bohemien. Léaud fungierte auch als zentraler Protagonist in den Meisterwerken von Jacques Rivette und Jean Eustache, die sich mit der 68er-Bewegung und dem Zerfall ihrer Utopien befassten.
 

Zu diesem Zeitpunkt war Léaud längst auch von gefeierten internationalen Regisseuren wie Jerzy Skolimowski oder Pier Paolo ­Pasolini als Akteur und als cineastischer Bezugspunkt entdeckt worden. Sein Status als cinéfils, als Sohn des (modernen) Kinos prägt Léauds Karriere bis heute: Wichtige Autorenfilmer wie Philippe Garrel, Luc Moullet, Raul Ruiz, Catherine Breillat, Aki Kaurismäki, Olivier Assayas, Bertrand Bonello oder Tsai Ming-liang haben ihn nicht nur als faszinierenden Darsteller besetzt, dessen bekennend „unprofessionelles Spiel“ eine ganz eigene Qualität besitzt. Er ist durch sein enges Band zur Nouvelle Vague auch zum Inbegriff für ein Filmschaffen geworden, das aus der kenntnisreichen Liebe zum Kino gespeist ist: vom ersten Auftritt als Antoine Doinel, der – schon ganz von der Kinoleidenschaft erfasst – Aushangfotos von ­Citizen Kane stiehlt, bis zu den Spätwerken, die durch Léaud Filmgeschichte(n) auf ganz besondere Weise weiterschreiben, zwischen Frankreich und Taiwan.
 
Léaud wurde zwar in eine „Filmfamilie“ geboren (die Mutter Schauspielerin, der Vater Drehbuchautor), doch eine professionelle Ausbildung genoss er nie. Als wenig erwünschtes Kind mit einem Hang zu Kunst, Träumerei, Undiszpliniertheit und Arroganz wird der Teenager freilich zur Idealbesetzung für François Truffauts auto­biografisch inspiriertes Langfilmdebüt Les Quatre cents coups: Léauds instinktive Darstellung des widerspenstigen und zerbrechlichen Jungen hat eine mitreißende Unmittelbarkeit und Glaubwürdigkeit. Auch künftig wird sein Schauspiel amateurhaft im besten Sinne bleiben: Seine Neigung zu liebenswerten Affekten und stark mimischem Ausdruck ist zugleich exzentrisch und entwaffnend.

 
Léauds Funktion als Truffauts Kino-Alter-Ego Antoine Doinel führte zu einer außergewöhnlichen Verbindung von Regisseur, Schau­spieler und Figur (bis L'Amour en fuite, 1979), die mitentscheidend für den cinephilen Mythos um Léaud ist. Dabei war er eine ebenso perfekte Projektionsfläche für Godard (als Dandy-Verkörperung einer politisierten, verwirrten Jugend, z.B. in Masculin féminin oder La Chinoise), während Rivette (Out One, 1972) und Eustache (von Les Mauvaises fréquentations, 1963, bis La Maman et la putain, 1973) die dunkleren Seiten des vermeintlich sanften Typs erforschten.

 
Léauds zentrale Rolle in der französischen Filmkultur hatte bald auch internationale Folgen: Vom brasilianischen Exilanten Glauber Rocha wird er im Afrika-Agitprop Der Leone Have Sept Cabeças (1970) als verrückter Repräsentant der Kolonialmacht eingesetzt, bei Bertolucci tritt er in Ultimo tango a Parigi (1972) als naiver Geist der Cinephilie auf. Zugleich brachte ihm ein typischer Genieblitz von Luc Moullet die Hauptrolle in Une aventure de Billy le Kid ein – als unwahrscheinlichster Westernheld aller Zeiten. Auch Léauds späteres Comeback verdankte sich internationaler Filmliebhaberei: Nach dem letzten Doinel-Kapitel war der deutlich gealterte Jung­star in den 80er Jahren trotz Auftritten bei Godard, Raul Ruiz ­(Treasure Island) und Catherine Breillat (36 fillette) aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden – bis ihm der finnische Nouvelle-Vague-Connaisseur Aki Kaurismäki in I Hired a Contract Killer (1990) eine Paraderolle als suizidaler Melancholiker gab.
 

Seither ist Léaud wieder ein Fixstern: Wesentliche Autoren des Gegenwartskinos haben nicht nur die unwiderstehliche Unbeholfenheit seiner manieriert-merkwürdigen Charaktierisieungen für sich nutzbar gemacht, sondern auch das historische Gewicht einer Kinoikone. Es ist kein Zufall, dass Léaud so oft als Künstler oder ­Filmemacher besetzt wird – bei Breillat und Godard, in Philippe ­Garrels La Naissance de l‘amour (1993), in Olivier Assayas‘ Irma Vep (1996) und Bertrand Bonellos Le Pornographe (2001). In Tsai Ming-liangs kommendem Film Visages spielt er einen Regisseur namens Antoine, der seinen Doppelgänger François vermisst. Jean-Pierre Léaud und die Kinogeschichte sind nicht mehr zu trennen.
 
Das Projekt findet mit Unterstützung des Institut Français de Vienne statt.

 
Von 2. April bis 8. Mai zeigt das Filmmuseum im Palais Clam Gallas (Institut Français, Währingerstr. 32, 1090 Wien) die Ausstellung Jean-Pierre Léaud – Citoyen du Cinéma, organisiert von Roland Fischer-Briand, Leiter der Filmdokumentationsabteilung im Filmmuseum. Öffnungszeiten der Ausstellung: Montag bis Freitag, 9 bis 19 Uhr.

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