Destination London
Filmexil in Großbritannien

Brighton Rock, 1947, John Boulting

8. Mai bis 10. Juni 2009
 

Filmschaffende aus Mitteleuropa spielten seit Ende der 1920er Jahre, insbesondere aber ab 1933 eine zentrale Rolle in der britischen ­Film­industrie. Hier sei nur die Spitze des Eisbergs ­genannt: Darsteller/innen wie Elisabeth Bergner, Conrad Veidt, Fritz Kortner, Lilli Palmer, Adolf Wohlbrück oder Herbert Lom; Regisseure wie E. A. Dupont, Berthold Viertel, Paul Czinner, Karl Grune, Friedrich Fehér, John Brahm oder Paul L. Stein; Drehbuchautor/innen wie Emeric Pressburger, Carl Mayer, Anna Gmeyner, Wolfgang Wilhelm; Produzenten wie Alexander Korda, Max Schach und Rudolph Cartier; Production Designer wie Alfred Junge, Hein Heckroth, Ernö Metzner und Oscar Werndorff; Kameraleute wie Günther Krampf, Otto Heller, Curt Courant, Mutz Greenbaum, Werner Brandes oder Otto Kanturek; Komponisten wie Hans May, Ernst Toch, Ernst H. Meyer und Allan Gray.

 

Schon in der späten Stummfilmära arbeiteten Filmschaffende vom Kontinent regelmäßig in britischen Ateliers und sorgten für die herausragenden Werke dieser Jahre, darunter etwa E. A. Duponts Piccadilly oder Paul Czinners The Woman He Scorned mit Pola ­Negri. Umgekehrt hatten junge britische Künstler wie Alfred Hitchcock ihr Metier bevorzugt bei der Berliner Ufa gelernt; die deutsche Filmindustrie galt europaweit als großes Vorbild. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der massenhaften ­Ver­treibung vor allem jüdischer Filmschaffender wuchs die Zahl der Emigranten sprunghaft an: Insgesamt waren in der britischen Filmindustrie der 1930er und 40er Jahre mehr als 400 – vornehmlich deutschsprachige – Kontinentaleuropäer aus allen Bereichen der Branche beschäftigt.
 

Nicht selten begegnete man diesem Zustrom ob seiner (vermeintlichen) „non-Britishness“, die sich unter anderem in kontinentalen Stoffen, Genres, Kamera- und Schauspielstilen manifestierte, mit ironischer Skepsis bis offener Ablehnung (vor allem seitens einheimischer Filmarbeiter, die den Verlust ihrer Jobs befürchteten). Tatsächlich aber war Großbritannien jenes Land, das von der Diaspora europäischer Filmschaffender am stärksten profitierte. Die Expertise und das technisch-ästhetische Know-how, das die ­Immigrant/innen vom Kontinent in deutschen und österreichischen Ateliers erworben hatten, flossen in mannigfaltiger Weise in die auf diesem Gebiet schwächelnde britische Filmindustrie ein – und wurden mitentscheidend für den Aufschwung und die Weiter­entwicklung des britischen Kinos.
 

In seinem Pionier-Essay aus dem Jahre 1989, in dem das Film­exil in Großbritannien erstmals detailliert verhandelt wird, weist ­Kevin Gough-Yates auf diesen Umstand hin: „Als Ganzes betrachtet, ist der Einfluss dieser Emigranten auf die britische Filmproduktion immens. In den 1930er Jahren und darüber hinaus stammten die führenden Drehbuchautoren, Kameraleute, Produzenten und selbst Regisseure nicht aus Großbritannien. Wenn man jene britischen ­Filme der 30er Jahre in Betracht zieht, an denen Europäer nicht oder nur unwesentlich beteiligt waren, finden sich darunter nur sehr wenige wichtige Produktionen.“

 

 

Bereits 1934 zog der London-Korrespondent der Exilzeitung Pariser Tageblatt unter dem Titel „Deutsche Künstler im englischen Film“ eine vorläufige Bilanz: „Ist es wirklich nur ein Zufall, dass der Siegeszug des englischen Films mit dem Niedergang des deutschen zeitlich zusammenfällt? Vor knapp zwei Jahren war der englische Film noch eine lokale Angelegenheit, er wurde kaum ernst genommen, über die englische Provinz hinaus gelangte er nur selten, ganz ausnahmsweise kam er bis nach Amerika. Und heute hat jeder englische Großfilm seine New Yorker Premiere fast gleich­zeitig mit der Londoner, eine ganze Reihe von englischen Filmen hat in Amerika die größten Erfolge und Rekordeinnahmen erzielt. Fragt man nach den Männern, die in diesen Filmen als Regisseure oder Stars wirkten, so stößt man immer wieder auf vertraute ­Namen.“ „Vertraut“ heißt in diesem Zusammenhang natürlich: bekannt aus Berlin, Wien, Prag, Budapest.

 

Alfred Junges grandiose Art-Déco-Architektur; Mutz Greenbaums an Citizen Kane gemahnende Schwarzweißfotografie im vergessenen Meisterwerk Thunder Rock (1942); Emeric ­Press­burgers wiederkehrende Geschichten vom Fremdsein in seinen Filmen mit Michael Powell; Richard Taubers ergreifende Darstellungen als Franz Schubert oder als in London verlorener Wiener Heurigensänger in den Filmen von Paul Ludwig Stein; Berthold Viertels fantastische Nachzeichnung eines Kinderschicksals in der nach einem Roman von Ernst Lothar entstandenen Emigrantenproduktion Little Friend (1934); das verzaubert-surreale, in jeder Hinsicht „komponierte“ Musik- und Räuberdrama von Friedrich Fehér, The Robber Symphony; die engagierte Beteiligung mitteleuropäischer Filmschaffender an Anti-Nazi-Produktionen; die erfindungsreichen Interventionen von Exilant/innen wie Ernst H. Meyer (Musik) und Wolf Suschitzky (Kamera) im britischen Dokumentarfilm; die für die Entwicklung des britischen Fernsehens bahn­brechende Arbeit des aus Wien stammenden Rudolph Cartier... Dies sind nur einige Facetten jenes kaum bekannten und faszinierenden Kosmos innerhalb der Film- und Exilgeschichte, der – anhand von mehr als 30 Werken, vom Film noir bis zum Musical – in Destination London erstmals aufgefächert wird.

 

Die Realisierung dieses Projekts verdankt sich der großzügigen Unterstützung der ERSTE BANK und des British Film Institute/National Archive.

 

Die Schau wird ergänzt durch drei Vorträge zum Thema: Christian Cargnelli, der Kurator der Retrospektive, Sarah Street und Tim Bergfelder sprechen am 14., 15. und 16. Mai über Aspekte der Filmemigration nach England. Das neue Buch Destination London. German-speaking Emigrés and British Cinema, 1925-1950, herausgegeben von Bergfelder und Cargnelli bei Berghahn Books, Oxford/New York, wird zum Auftakt der Schau präsentiert.

Zusätzliche Materialien