Festival du Film Maudit
Biarritz 1949

Ossessione, 1943, Luchino Visconti

5. bis 15. Juni 2009
 

„Der Augenblick ist gekommen, die lebendig begrabenen ­Meisterwerke der Filmkunst zu ehren und Alarm zu schlagen. Der Kinematograph muss sich ebenso aus seiner Sklaverei ­befreien, wie sich gerade auch viele mutige Menschen daraus zu befreien trachten. Und: Eine Kunst, die für die Jungen unerreichbar ist, wird nie eine Kunst sein.“ (Jean Cocteau, 1949)
 

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in Paris der Filmclub ­Objectif 49 gegründet. Die Mitglieder, zu denen u. a. Jean Cocteau, Henri Langlois und (als Ehrenmitglied) Orson Welles zählten, hatten sich die Propagierung einer neuen Kino-Avantgarde auf die Fahnen geschrieben. Unterstützt wurden sie dabei von einigen Schriftstellern, Filmemachern und Publizisten, die sich unter dem Etikett der Nouvelle Critique zusammengefunden hatten, darunter André Bazin, Raymond Queneau, Jean Grémillon, Alexandre Astruc und Roger Leenhardt. Diese lose Gemeinschaft schmiedete den kühnen Plan, im Sommer 1949 in Biarritz ein unabhängiges Festival zu veranstalten, welches dem Cinéma maudit den roten Teppich ausrollen sollte – in Anlehnung an Mallarmés Begriff der poètes maudits, der verfemten Dichter.
 

Mit dem Festival wollten die bereits etablierten Vertreter der Nouvelle Critique „in Reinheit und Frenesie die gegenwärtigen Kampflinien auf dem Feld der kinematographischen Intelligenz und Sensibilität vermessen“. Dabei strebten sie auch den Austausch mit einer Gruppe junger Cinephiler an, deren Namen damals erst wenige kannten: François Truffaut, Jacques Rivette, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Eric Rohmer und Jean Douchet. Die Ankündigung zur gleichermaßen mondänen wie konfrontativen Veranstaltung glich einem kultischen Versprechen; es ging darum, als Komplizen über ein Versuchsgelände auszuschwärmen und die Anwesenheit eines neuen filmischen Geistes aufzuspüren – wobei sich der nicht zwangsläufig in der aktuellen Produktion manifestieren musste. Was waren die die verfemten Filme von 1949? Ein Blick ins Programm gibt Auskunft: Kuhle Wampe von Slatan Dudow und Fire­works von Kenneth Anger; Filme von Robert Bresson, Luchino ­Visconti und Clifford Odets, von John Ford, Jean Grémillon und Jean Rouch; Ride the Pink Horse von Robert Montgomery und L’Atalante von Jean Vigo – und etwa ein Dutzend weitere. Ein Gutteil dieser Titel und Namen gehört inzwischen zu den unverzichtbaren Standards der Filmgeschichte.
 

Das Festival fand von 29. Juli bis 5. August im luxuriösen Rahmen des Spielcasinos an der Atlantikküste statt. „Der Portier kontrollierte die Akkreditierung der Gäste und verwehrte unerwünschten Personen den Einlass – darunter auch Rivette, Godard und Truffaut, junge Leute unter zwanzig, aufmüpfige Bohemiens, die am Eingang so lange Krach schlugen, bis Cocteau erschien – im Frack. Er eskortierte seine jungen Freunde und ließ sie mit einer Hand­bewe­gung passieren. In seiner Eigenschaft als Präsident des Festivals war es ihm geglückt, die Aristokratie und die jungen Wilden zusammenzubringen.“ (Dudley Andrew)
 

Das Festival von Biarritz zeitigte nachhaltige Auswirkungen auf den intellektuellen Umgang mit Film und Kino – und es stellt eine Art Gründungsmythos für einen damals neuen kulturellen Typus dar: die Cinephilie. In einer Genealogie des französischen Films ist Biarritz 1949 ein „Garten der Pfade, die sich verzweigen“ (Jorge Luis Borges). Die Schau zu diesem Schlüsselmoment der ­Film­geschichte versteht sich als Blitzlichtaufnahme: In kontrollierter ­Zufälligkeit leuchtet eine historische Konstellation auf. Fragen um Kanon- und Legendenbildung ergeben sich dabei zwangsläufig und halten an. (Ralph Eue)
 

Die Rekonstruktion des Festival du Film Maudit wurde kuratiert von Ralph Eue und findet in Kooperation mit dem Institut für Theater- Film und Medienwissenschaft der Universität Wien statt.

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