Das Kino des Jacques Rivette

Jacques Rivette
9. bis 31. Oktober 2002
 
Das Kino des Jacques Rivette ist untrennbar mit der französischen Nouvelle Vague der 50er und 60er Jahre verbunden, der wohl einflußreichsten Bewegung in der Geschichte des Films. Neben dem Erneuerer und „Sprengmeister“ Jean-Luc Godard und dem „Neo-Klassiker“ François Truffaut repräsentiert Rivette den dritten wichtigen Pol in dieser Bewegung. Rivette ist der moderne Erzähler schlechthin: Die Lust und das Geheimnis des Erzählens, die traumhafte Verführungskraft, aber auch die Wirklichkeitsnähe erzählerischer Aktivität sind der innerste Antrieb seines Werks.
 
Erzählen heißt: in Beziehung setzen, Fäden spinnen, dem Chaos sinnfällige Zusammenhänge entlocken. Es heißt aber auch: neue Routen und Landkarten beschreiben, improvisieren, Überraschungen, Umwege und Sprünge riskieren, um vom Alltäglichen zum Möglichen zu gelangen. Von seinem frühen Kurzfilm Le Coup du Berger (1956) bis zum jüngsten Meisterwerk Va savoir (2001) ist daher an Rivettes Kunst vor allem eines bestechend: die Leichtigkeit und Großzügigkeit, mit der er all diese Facetten des Erzählens in der Balance hält, weiterentwickelt und mit Hilfe konkreter Figuren und Schauspieler zu einem eigenständigen Kosmos fügt.
 
Wer je die wahre (also geheime) Geschichte des Lebens in Frankreich, ca. 1950-2000, rekonstruieren möchte, wird in Rivettes Filmen einen wundersam verschlüsselten Bauplan dazu finden – eine Art „paralleles Leben“. Ein Labyrinth und zugleich eine ungemein freie Welt.
 
Diese Rivette-Welt hat eine Reihe von „modernen Klassikern“ hervorgebracht: sein Debüt Paris nous appartient (1960) und den umstrittenen, von der Kirche angefeindeten Film La Religieuse (1966) mit Anna Karina und Liselotte Pulver; spielerisch-magische Fabeln wie Céline et Julie vont en bateau (1974) und La Bande des quatre (1988); große Kinoerfolge wie La Belle noiseuse (1991) mit Emmanuelle Béart und Michel Piccoli und stolze, erratische Blöcke wie Jeanne la Pucelle  (1994) mit Sandrine Bonnaire in der Rolle ihres Lebens – Johanna von Orléans.
 
Auch Jacques Rivettes jüngster Film Va savoir (2001), der in dieser Retrospektive seine österreichische Erstaufführung erlebt, gilt bereits jetzt als Meilenstein des Gegenwartskinos. Erstmals außerhalb Frankreichs zeigt das Filmmuseum auch die vierstündige Version, den „director’s cut“ – Va savoir, version intégrale.
 
Zugleich sind im Schaffen dieses Regisseurs noch viele verborgene Juwele zu entdecken und Geheimnisse zu lüften – z.B. sein praktisch verschollenes, mythenumwobenes „Epos“ L'Amour fou aus dem Jahr der Revolte (1968) oder sein selten aufgeführtes Opus magnum Out 1 (1970/90) mit Jean-Pierre Léaud. Von diesem Werk zeigen wir sowohl die komprimierte Fassung Spectre als auch die vollständige, filmhistorisch unvergleichliche Version Out 1 – Noli me tangere: 773 Minuten glorreiches „Kino der Verschwörung“ in acht, vom Regisseur festgelegten Folgen und in Rahmen eines zweitägigen Events am 26. und 27. Oktober – ein Zentralereignis der Retrospektive.
 
Auch Rivettes überschäumend erfinderische und eigenwillige Arbeiten der 70er und frühen 80er Jahre finden sich in dieser Schau – Duelle (1976), Noroît (1976), Merry-Go-Round (1978, mit Maria Schneider und Joe Dallesandro), Le Pont du nord (1981, mit Bulle Ogier, Pascale Ogier und Pierre Clémenti) oder L'Amour par terre (1984, mit Jane Birkin und Geraldine Chaplin). Filme über den Traum, das Theater, über phantomhafte Gruppen und geheimnisvolle Häuser. Und immer auch über die Rückseite einer bekannten-unbekannten Stadt: Paris.
 
Konkretheit und Zeitlosigkeit, dieser Doppeleffekt entsteht bei Rivette auch durch die unnachahmliche Verbindung aktualisierter literarischer Stoffe (zumeist aus dem 19. Jahrhundert) mit unüblichen Zeitmaßen und mit Schauspielern, die immense physische Präsenz und Gegenwart signalisieren. Sie sind unsere Führer durch ein Terrain, das zum Teil aus Motiven von Balzac und Emily Brontë, Henry James und Arthur Schnitzler zusammengesetzt ist.
 
Die Retrospektive startet am 9. Oktober 2002 mit der Erstaufführung von Va savoir und mit Claire Denis‘ und Serge Daneys bestechendem Dokumentarfilm über den Regisseur – Jacques Rivette, le veilleur (1990). Die Filme der Retrospektive werden fast zur Gänze mit deutschen oder englischen Untertiteln gezeigt.
 
Begleitend zur Retrospektive erscheint eine umfangreiche Publikation der Viennale.
Zusätzliche Materialien