Marcel Ophüls

The Memory of Justice, 1976, Marcel Ophüls
28. Mai bis 11. Juni 2010
 
Der Regisseur und Autor Marcel Ophüls ist eine überragende Persönlichkeit des dokumentarischen Kinos. Seit Ende der 1960er Jahre realisierte er einige der einflussreichsten Dokumentarfilme überhaupt, von denen Meisterwerke wie Le Chagrin et la pitié (1969), The Memory of Justice (1976), Hôtel Terminus (1988) und Veillées d’armes – The Troubles We’ve Seen (1994) ­lediglich die bekanntesten sind. Diese mehrstündigen, vielstimmigen filmischen Panoramen haben das Verständnis von audiovisueller Geschichtsschreibung und die Bedeutung des „Wirklichkeitskinos“ nachhaltig ­verändert – bis heute zehren unzählige dokumentarische Nachfolgeformen davon, ebenso wie das populäre Politkino.
 
Viele Jahre war Ophüls für ein breites Publikum der Inbegriff des Dokumentarfilm-Autors: der brillante „Professional Memory Man“, der in seinen epischen Werken die Grundlagen der Nachkriegs­gesellschaft wie kein anderer untersucht hat. Ein Verfechter des kritischen Gedächtnisses, der tief in die Archive gestiegen ist, um das Erbe der Diktaturen des 20. Jahrhunderts mit der Gegenwart in ­Beziehung zu setzen; dem die aktuelle Bedeutung der Geschichte ebenso wichtig war wie die Wahrheit der Vergangenheit. Ophüls hat den investigativen Journalismus mit der Kunst des großen Kinos verbunden: Seine Filme verblüffen durch gedanklichen Reichtum und ihre Opulenz, durch die virtuose Montage, die wunderbar leichthändige Kombination einer Vielzahl von Quellen und nicht ­zuletzt durch seine legendäre Interview-Technik (Ophüls agiert oft selbst vor der Kamera). Ausgehend von den Möglichkeiten der oral history bleiben seine „Dokumentarfilm-Marathons“, wie er sie selbst genannt hat, in jeder Minute überraschend und verwandeln noch komplexeste historische Stoffe in aufregende crime stories.
 
Ophüls, 1927 in Frankfurt geboren, mit seinen Eltern vor den Nazis nach Frankreich und in die USA geflohen, ist ein Kosmopolit par excellence. Seine Biografie ist geprägt von Vertreibung und Exil, aber auch von den Erfahrungen demokratischer Kultur in den USA und den Widersprüchen des Kalten Kriegs, vom Aufbruch der 68er in Frankreich und von den Erfahrungen des Kinolebens, das er als Sohn von Max Ophüls und der Schauspielerin Hilde Wall geführt hat. Seine eigene filmische Karriere beginnt zuerst im Umfeld der Nouvelle Vague, dann als Dramaturg und Inszenator von Fernsehspielen im deutschen und als unbequemer Journalist im französischen Fernsehen. Dort entsteht mit Munich ou la paix pour cent ans (1967) seine erste Geschichtsbetrachtung über die Folgen des Münchner Abkommens 1938, gefolgt von Le Chagrin et la pitié – einer bahnbrechenden Arbeit über die französische Kollaboration in der Nazizeit, die in Frankreich zum Kinoereignis und Politikum wird.
 
Vom französischen Fernsehen entlassen, arbeitet Ophüls wieder für deutsche Sender, bevor er sein monumentales Œuvre über die Nürnberger Prozesse, The Memory of Justice, als amerikanische Produktion realisiert. Ophüls, der bis heute einen französischen und amerikanischen Pass besitzt, lebt und unterrichtet zu dieser Zeit in den USA. Von dort aus produziert er auch seinen wohl bekanntesten (und mit dem „Oscar“ gekrönten) Film Hôtel Terminus über den Gestapo-Schlächter Klaus Barbie. In relativ kurzer Folge entstehen zwei weitere Meisterstücke: November Days (1990), ein Resümee vom Fall der Berliner Mauer, und Veillées d’armes, der am Beispiel der Jugoslawienkriege die veränderten Bedingungen der internationalen (Kriegs-)Berichterstattung thematisiert.
 
Wenn man diese Filme zusammen denkt, wird eine einzigartige Chronik der politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts sichtbar – eine leidenschaftliche, der Aufklärung wie dem Entertainment ­verpflichtete Geschichte-Erzählung, die unermüdlich das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum zur Darstellung gebracht hat: geprägt von immenser moralischer Klarheit, lesbar nicht zuletzt als Pamphlet gegen die falsche Cleverness und den komplizenhaften Zynismus der Zeit. (Constantin Wulff)
  
Eine gemeinsame Veranstaltung des Österreichischen Filmmuseums mit Navigator Film, ­unterstützt vom Fachverband der Film- und Musikindustrie und der ERSTE BANK.
 
Am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien offeriert Ralph Eue das Seminar „Max Ophüls und Marcel Ophüls: Politisch-ästhetische ­Kontinuitäten und Brüche“. 
Zusätzliche Materialien