Eric Rohmer

Eric Rohmer, 1982 © François-Marie Banier
7. Oktober bis 4. November 2010
 
Der im Jänner dieses Jahres verstorbene Filme­macher, dem Viennale und Filmmuseum die gemeinsame Retrospektive widmen, war eine Zentralgestalt der französischen Nouvelle Vague. Zugleich entwickelte er im Alleingang eine ­Ästhetik, die sui generis blieb: Der Rohmer-Stil verbindet die naturalistische, täuschend einfach wirkende Erzählung von Alltags- und Beziehungsgeschichten mit raffiniert komponierten, intellektuell bestechenden Versuchsanordnungen. Bevor er zum Kino kam, beschäftigte sich Eric Rohmer leiden­schaftlich mit Literatur, klassischer Musik und Philosophie – Gebiete, die sein Schaffen bis zuletzt in schillernder Bewegung hielten. Seine Filme kreisen um die Dialektik von Gedanken und Gefühl und lieben das Paradoxe: die verhalten komische Kollision von Rationalismus und Erotik, sehnsüchtigen Bewegungen und fixen Ideen, gefestigten Weltbildern und unvorhersehbaren Zufällen.
 
Rohmers Konzeption reicht bis in die feinsten Kapillaren seiner Stoffe, zugleich entwickelt er die Themen möglichst vielfältig. In seinen großen Filmzyklen hat er die ideale Ausdrucksform gefunden. Seine hintergründige Äußerung in Bezug auf den ersten Zyklus, Moralische Geschichten (1963-72), ist bezeichnend: Es ginge hier eben nicht um die landläufige Idee von „Moral“, die Geschichten beschäftigten sich „nicht damit, was Leute tun, sondern damit, was in ihrem Kopf vorgeht, während sie es tun. Ein Kino der Gedanken eher als der Aktionen.“
 
Im Porträtfilm Preuves à l'appui wird Rohmer als „Mann ohne Biografie“ bezeichnet; über sein Privatleben schwieg er sich konsequent aus. 1920 als Maurice Schérer geboren, entlehnte er sein Pseudonym zu gleichen Teilen bei Erich von Stroheim und dem „Fu Manchu“-Autor Sax Rohmer. Wie für seine Kollegen bei den Cahiers du cinéma, wo er von 1957-63 Chefredakteur war, führte Rohmers Weg zur Filmregie über Amateurkurzfilme und Filmpublizistik (mit Claude Chabrol verfasste er z. B. die erste Studie über Hitchcock, charakteristischerweise mit einem Fokus auf dessen Katholizismus). Das „typisch Französische“ an seinem Werk darf durchaus als Missverständnis gelten: Rohmers Vision des Kinos ist tief geprägt von internatio­nalen Filmkünstlern (vor allem F. W. Murnau, über dessen Faust-Film er dissertierte). Auch seine Drehbücher sind von antiken, englischen und deutschen Traditionen ebenso ­gespeist wie von französischen. Seinen ersten Historienfilm Die Marquise von O ... (1976) drehte Rohmer in der Sprache des Kleist’schen Originals, die er selbst perfekt beherrschte.
 
Der internationale Durchbruch gelang Eric Rohmer mit Ma nuit chez Maud (1969), einer makellosen Demonstration seiner Kunst der ­delikaten Kommunikation: eine sublime Sprachkomödie vom wortreichen Widerstand eines gläubigen Katholiken gegen die Verlockungen einer geschiedenen Atheistin. Rohmers „moderner Klassi­zismus“ in der Inszenierung schafft eine unaufdringliche Balance von Rede und Ton, Gestik und Bild, die er im Zuge seiner weiteren Zyklen „Komödien und Sprichwörter“ (1981-87) sowie „Erzählungen von den vier Jahreszeiten“ (1990-98) und in diversen Zwischenspielen verfeinert. Der Gestus des Improvisierten, als wären die ­Filme „dem alltäglichen Leben abgelauscht“, ist dabei nur ein ­(virtuos gehandhabtes) Stilmittel: Als Rohmer bei einem seiner schönsten Filme, Le Rayon vert (1986), ausnahmsweise wirklich improvisieren lässt, klingen die Dialoge wie die sonst von ihm ­geschriebenen. Anderswo verraten Exkursionen in Gebiete wie Suspense (La Collectionneuse), Science-Fiction (L'Amour l'après-midi) oder Malerei à la Matisse und Comics (Pauline à la plage) die unauffällige Wandelbarkeit des unverwechselbaren Rohmer-Stils.
 
Der innerste (und kleinste) Kreis seines Werks sind denn auch die historischen Filme, die sich von den sommerlichen Zeitbildern, mit denen Rohmer gemeinhin assoziiert wird, deutlich abheben: In ihnen kommt das Wesen seiner Weltsicht am klarsten auf den Punkt, nirgendwo so sehr wie in seinem minimalistischen Opus magnum über Parzifal (1978) – in gewisser Hinsicht erzählte Eric Rohmer immer wieder, und immer wieder anders schattiert, von der Suche nach dem Gral.
 
Zahlreiche Schauspieler/innen und Mitarbeiter/innen von Eric Rohmerwerden die Retrospektive als Gäste besuchen. Begleitend dazu erscheint eine ­Publikation der Viennale, die Aufsätze, Gespräche, Rohmer-Doku­mente und Texte zu ­allen ­Filmen der Retrospektive versammelt.
 
Eine gemeinsame Retrospektive von Viennale und ­Filmmuseum, mit Unterstützung von Culturesfrance und dem Institut Français de Vienne
Zusätzliche Materialien