Dorothy Arzner

Christopher Strong, 1933, Dorothy Arzner
18. März bis 7. April 2011 
 
„My philosophy is that to be a director you cannot be subject to anyone, even the head of the studio. I threatened to quit each time I didn’t get my way, but no one ever let me walk out.“
 
Dorothy Arzner (1897–1979) war die einzige Frau, die im klassischen Hollywoodkino als Regisseurin Karriere machte, und das erste weibliche Mitglied der Directors Guild of America. Zwischen 1927 und 1943 inszenierte sie sechzehn Spielfilme, von denen einige – allen voran Working Girls, Merrily We Go To Hell, Christopher Strong, Craig’s Wife und Dance, Girl, Dance – als Meilensteine nicht nur des feministischen Kinos gelten dürfen. Dazu kamen zahlreiche Arbeiten als Schnittmeisterin und Drehbuchautorin sowie Jobs als (ungenannte) Co-Regisseurin: Arzners Ruf als Meisterin des Handwerks war so gut, dass sie wiederholt mit der Rettung problematischer Produktionen betraut wurde.
 
Angesichts ihrer wesentlichen Beiträge zum Kino und ihrer emphatischen Wiederentdeckung durch die jüngere Filmkritik und Filmtheorie der 70er Jahre sollte man meinen, dass Dorothy Arzner heute einen festen Platz in jeder seriösen Darstellung der Filmgeschichte hat. Doch weit gefehlt: In diversen Standardwerken taucht sie gar nicht auf, in anderen findet sie sich arg marginalisiert. Ein Motiv dafür mag Unwissenheit sein – Arzners Filme waren lange Zeit kaum zugänglich, nur wenige wurden halbwegs regelmäßig gezeigt. Und es gibt andere Gründe: Arzner passt nicht – ihre Filme, ihr Image und ihr Leben stell(t)en mehr oder weniger explizit vieles gemeinhin Akzeptierte in Frage.
 
Arzner teilte über vier Jahrzehnte Tisch und Bett mit der Choreografin und Tänzerin Marion Morgan, die auch an einigen ihrer Filme beteiligt war. Und sie machte aus ihrer sexuellen Orientierung keinen Hehl. Offiziell wurde darüber geschwiegen, obwohl alle in Hollywood darum wussten. Auf PR-Fotos kultivierte sie einen kantigen, dominanten Look, der sich auch als butch lesen lässt – Haare glatt nach hinten gegelt, Anzüge (mit Röcken statt Hosen), Krawatten oder ähnlich geschlungene Tücher. Auf Privatfotos erscheint sie nicht immer so, insofern mag ihr öffentliches Image auch den Versuch repräsentieren, der „Chefrolle“ des Regisseurs zu entsprechen. Gleichzeitig betonte die Hollywood-Publicity Arzners Affinität für women’s pictures: Obwohl sie als Schnittmeisterin ein fabelhaftes Gespür für Action demonstriert hatte (u.a. bei The Covered Wagon von ihrem Mentor James Cruze), vertraute man ihr durchwegs Stoffe an, die für eine Frau noch am ehesten als „schicklich“ galten.
 
Was nicht heißt, dass man die subversiven Dimensionen ihrer Filme unter deren Oberfläche suchen muss. Die Kritik an der patriarch­alen Gesellschaft liegt über weite Strecken ganz offen da – in einer ikonischen Roaring-Twenties-Komödie mit Clara Bow (The Wild Party) ebenso wie im Backstage-Musical Dance, Girl, Dance oder in den freizügigen und schlagfertigen Gegenwartsfilmen, die Arzner vor der Durchsetzung des Hays Code im Jahr 1934 drehen konnte (Honor Among Lovers mit Claudette Colbert, Merrily We Go To Hell mit ­Sylvia Sidney und Cary Grant oder Working Girls). Immer wieder beschäftigt sich Arzner mit sozialen Grenzen und Dynamiken der kapitalistischen Gesellschaft: Klassen-Antagonismen werden klar artikuliert, Abhängigkeiten, Zwangsverhältnisse, Institutionen thema­tisiert, Formen der Solidarität – auch kritisch – untersucht. Heterosexuelle Liebes-, Begehrens- und Vernunftverhältnisse inszenierte sie exemplarisch, übertragbar auf Geschlechterverhältnisse aller Art. Darunter wirbeln spezifisch lesbische Entwürfe, die auch im Pre-Code-Kino nie mehr sein konnten als Andeutungen.
 
Mit ihren ungewöhnlich „erwachsenen“, widersprüchlichen, nicht-süßlichen Frauenfiguren schuf Arzner (fast durchwegs im Verbund mit Drehbuchautorinnen) Traumrollen für einige große Hollywood-Diven: Ruth Chatterton in Sarah and Son und Anybody’s Woman, Katherine Hepburn in Christopher Strong, Rosalind Russell in Craig’s Wife, Joan Crawford in The Bride Wore Red oder Maureen O’Hara in Dance, Girl, Dance. Viele dieser Arbeiten hatten Erfolg beim Publikum und der Kritik, aber die Regisseurin wurde dennoch mehr und mehr zum Fremdkörper im Hollywood-System. Ihren letzten Film, das Widerstandsmelodram First Comes Courage, beendete Charles Vidor, nachdem sie sich eine schwere Lungenentzündung zugezogen hatte. Die Politik reaktionärer Studiobosse wie Louis B. Mayer und Harry Cohn trug wohl zum Ende von Dorothy Arzners Regielaufbahn bei – nach eigener Aussage waren ihr 25 Jahre in diesem Geschäft (und mit solchen Geschäftspartnern) einfach genug.
 
Arzner zog sich aufs Land zurück, trat aber um 1960 als sehr ­beliebte Lehrerin der ersten „Film School Generation“ an der UCLA (darunter Francis Ford Coppola) wieder hervor. 1975 wurde sie von der Directors Guild mit einem Galaabend geehrt. Dessen Initiatorin, die Regisseurin Francine Parker, fasste Dorothy Arzners Schaffen präzise zusammen: „The world does take on a rather startling and sur­prising look when observed through the eyes of a skilled, talented, hard-working, learned and thoroughly unintimidated female.“
 
Die bislang umfangreichste Retrospektive zum Werk von Dorothy Arzner wird ergänzt durch ein Seminar von Andrea B. Braidt am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien. Andrea B. Braidt wird am 30.3. einen Vortrag im Filmmuseum halten und zur Eröffnung der Schau ein Gespräch via Skype mit der Filmwissenschaftlerin und Arzner-Biografin Judith Mayne führen.
Zusätzliche Materialien