Alexander Mackendrick

The Ladykillers, 1955, Alexander Mackendrick

29. März bis 11. April 2012

 

Alexander Mackendrick, der vielleicht wichtigste Filmemacher des britischen Nachkriegskinos, war – existentialistisch gesprochen – stets ein Anderer. Seine beiden berühmtesten Werke, The Man in the White Suit und The Ladykillers, werden meist als die Höhepunkte der Ealing-Komödie und als Meisterleistungen von Alec Guinness erinnert; Sweet Smell of Success ist ein weithin verehrter – und selten gezeigter – Klassiker des späten Film noir. Ihr Regisseur aber wird kaum je zur Kenntnis genommen, geschweige denn als auteur.
 
Der sogenannte „Rest“ seines Œuvres besteht aus verkannten Meisterwerken wie Mandy oder A High Wind in ­Jamaica, einem Bahnbrecher (Whisky Galore!), faszinierenden ­Versuchen in Sachen verschlüsselter Autobiografie (wie etwa The Maggie) – und aus vielen Rückschlägen: Bei mehreren Filmen ­wurde Mackendrick aufgrund „kreativer Differenzen“ gefeuert. ­Seine Karriere war ein Desaster; aber die Filme, die dabei zustande kamen, gehören zu den schönsten des Weltkinos nach 1945.
 
Mackendrick galt als „schwierig“, was im Allgemeinen bedeutet: Seine Werke passten nicht in die Schubladen ihrer Ära, doch er beharrte dreist auf seiner Vision der Welt. Auch als Person war er kaum einzuordnen: geboren 1912 in Boston als Kind schottischer Einwanderer; aufgewachsen bei seinem Großvater in Glasgow, da sich die Mutter nach dem Tod des Vaters gezwungen sah, ihn wegzugeben. Es heißt, dass Mackendrick nach dieser innerfamiliären Adoption seine Mutter nie wieder gesehen hat. Das Motiv des sturen, manchmal asozialen Kindes, das die Existenz der Erwachsenen (zer-)stört, taucht in vielen seiner Filme auf – gerade in jenen, die so etwas wie Waisen des Mackendrick-Œuvres sind: Mandy, der das Publikum und die Kritik 1952 ob seiner Innenansichten einer Kinderseele fundamental beunruhigte, sowie Sammy Going South und A High Wind in Jamaica in den 60er Jahren – films maudits par excellence, deren hindernisreiche Produktionsgeschichten legendär geworden sind.
 
Auch Erwachsene, die sich wie Kinder verhalten, bevölkern ­Alexander Mackendricks Werke. Prototypisch etwa The Ladykillers: Die Gangsterbande des Professor Marcus und die Vermieterin Mrs. Wilberforce machen aus dem krummen Haus am Bahndamm eine Art Gothic-Sandkasten, in dem alle – mehr oder weniger arglos – so miteinander umgehen, als würden sie Frösche aufblasen oder Fliegen die Flügel ausreißen. Eine komödiantische Vorschau auf den Hammer Horror der folgenden Jahre.
 
Alexander Mackendrick hat in seinem Leben genug Sterben ­gesehen, zumindest aus der Ferne: Der gelernte Werbegrafiker wurde 1942 eingezogen und diente in einer britischen Propaganda­einheit – er bastelte zusammen, was man so für die psychologische Kriegsführung braucht, von Flugblättern bis zu Filmen. Nach dem Krieg entschied er sich für eine Kinokarriere, auch wenn ihm das Geschäft ähnlich zuwider war wie die Werbebranche. Ein fester Job bei den Ealing Studios erwies sich als glückhaft: Gleich mit seinem Erstling Whisky Galore! schrieb Mackendrick Filmgeschichte. Die volkstümliche Komödie trägt stark dokumentarische Züge und zeigt ihre Protagonisten nicht als Schießbudenfiguren, sondern als skeptische Zeitgenossen, die versuchen, mit ihrem Leben (und einigen denkwürdigen Chancen) halbwegs sinnvoll zurechtzukommen.
 
Nach dem Kollaps der Ealing Studios versuchte sich Mackendrick in Hollywood und machte sogleich mit der grimmigen Satire Sweet Smell of Success von sich reden. Danach konnte er keines seiner persönlichen Projekte mehr stemmen – er sagte, ihm habe dafür das nötige Feilscher- und Krämer-Naturell gefehlt. Mit dem letzten von ihm signierten Werk, Don’t Make Waves, verlieh er 1967 seinem ­an­wachsenden Welt-Ekel angemessene Form. Danach zog sich Macken­­drick aus dem Geschäft zurück und wirkte ein Vierteljahrhundert, bis knapp vor seinem Tod 1993, als Dekan am California Institute of the Arts. Seinen Studenten erschien er als Gebrochener, der verzweifelt versuchte, durch sie seine Träume zu verwirklichen.
 
Zum Auftakt der Retrospektive am 29. März präsentiert der britische Filmemacher und Buchautor Paul Cronin eine große Film-Lecture über Alexander Mackendrick. Dabei gibt Cronin – der in Wien bereits seine Filme über Amos Vogel, Haskell Wexler und Peter Whitehead vorgestellt hat – auch Einblick in den reichen Fundus von Filmdokumenten, die Mackendrick bei seiner Arbeit als Filmregie-Lehrer in Los Angeles zeigen.
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