Buster Keaton

The Navigator

30. November 2012 bis 9. Jänner 2013
 
In seinem neuen Buch über Buster Keaton schreibt Klaus Nüchtern, dass wir nicht über, sondern mit Buster lachen, wenn dieser mit ungeahnter Tat- und Widerstandskraft die Herausforderungen der modernen Welt in Glücksfügungen verkehrt. Diese Einladung zu einem „solidarischen Lachen“ und zu einer nicht-triumphalen Freude ist der Kern der Begeisterung, die Keaton entfacht. Wir spüren die Lebensnotwendigkeit dieser Freude und Solidarität, die doch – im Leben – so selten zu haben sind: „Ich gebe zu, dass ich Keatons Komik gerade dort bewundere, wo sie nicht nur schallendes Gelächter hervorruft, sondern verblüfft, ja beglückt, weil sie nicht von einem Scheitern, sondern von einem Gelingen handelt. Das macht sie einzigartig und führt dazu, dass ich mitunter von einem raren Anfall von Gattungspatriotismus heimgesucht werde, wenn Buster etwas macht: Menschen können so was? Wie schön!“

 
Der Mann, der seit knapp 100 Jahren solche Emotionen weckt, steht im Zentrum der Schau, die das Filmmuseum zum Jahreswechsel zeigt. Dabei kommt neben Keatons kanonischen Langfilmen – von Three Ages (1923) bis The Cameraman (1928) – auch jene unübertroffene und sehr abwechslungsreiche Serie von Kurzkomödien zur Aufführung, mit denen er sich schon zuvor einen Namen gemacht hatte, zunächst an der Seite von Roscoe „Fatty“ Arbuckle und dann in Eigenregie.
 
Am 4. Oktober 1895 in Kansas geboren, steht Joseph „Buster“ Keaton (der Spitzname stammt angeblich von Harry Houdini) bereits als Kind auf der Bühne und erträgt im Vaudeville-Act seiner Eltern alle Disziplinierungsmaßnahmen mit ungerührtem Pokerface. Als sein Vater dem Alkohol verfällt und die Show zu gefährlich wird, geht er nach New York, lernt Arbuckle kennen und gibt als dessen sidekick in The Butcher Boy (1917) sein Filmdebüt. Hier lernt er das Handwerk, bald auch als Regieassistent des großen Arbuckle. Ab 1920 dreht Keaton für den Produzenten Joseph Schenk zwanzig unglaubliche und völlig eigenständige two-reelers, darunter den kubistischen Hausbau-Alptraum One Week oder die anarchische Verfolgungsjagd Cops; nebenbei spielt er die Hauptrolle in dem MGM-Film The Saphead.
 
Schon als „reiner“, nicht regieführender Schauspieler trainiert Keaton seine historische Rolle als der Komiker der Moderne und der Sachlichkeit. Sentimentalität und picksüße Verhältnisse zwischen den Geschlechtern waren ihm fremd; sein Pathos beruht auf Understatement und der trockenen Unerschütterlichkeit seines Ringens mit den Dingen. Daraus erklärt sich auch sein Beiname, „The Great Stone Face“; dieses bis heute wirksame Keaton-Label wird freilich umgehend relativiert, sobald man seine tatsächliche Erscheinung – Keatons ausdrucksvolles Antlitz und seinen beredten Körper – auf der Leinwand betrachtet.
 
Zum Akteur tritt rasch der Regisseur und Konstrukteur hinzu; Keaton wird zum „kompletten Autor“ seiner Filme. Dessen Facetten inkludieren: unerreichte Präzision und Eleganz im Arrangement der Gags; eine Leidenschaft für äußerst gewagte Stunts, die nie zuvor (und nie wieder danach) gesehen waren; eine verblüffend naturalistische Idee von Film, deren Poesie immer aus der Wirklichkeit abgeleitet ist; eine im Slapstick-Kino mehr als rare Dichte der Erzählung; und: eine konsequente Verteidigung des liebenden Mannes, der inmitten der Maschinen, Städte, Verkehrsmittel des 19. und 20. Jahrhunderts sein Schicksal in die Hand nimmt.
 
1923 erobert Keaton das lange Spielfilmformat. Die schwarze Komödie Our Hospitality bildet den Auftakt zu jener Reihe von Meisterwerken, in denen Keaton seiner lebenslangen Faszination für Mechanik (und ihre tückischen Entgleisungen) huldigt. Die Kinomaschine selbst – dies beweist Sherlock Jr., der sie zum Sujet macht – ist ein essentieller Teil dieser Faszination. Die „Titelhelden“ von The Navigator und The General wiederum sind ein verlassener Ozeandampfer und eine entführte Lokomotive; im Versuch, ihrer Herr zu werden, begibt sich Buster in absurde Situationen, nicht selten in Lebensgefahr. Sein Wille zur Genauigkeit ist übermächtig: Er äußert sich nicht nur in der Perfektion des Timing, sondern auch in der tiefenscharfen Mise en scène – The General etwa ist neben allem anderen auch eine poetische, detailbesessene Rekonstruktion der Bürgerkriegszeit.
 
Nach Steamboat Bill, Jr., Keatons vielleicht größtem Experiment in Sachen Artistik und Selbstgefährdung, verkauft sein Schwager Joseph Schenck die gemeinsame Firma an MGM: Keaton soll ins Studiosystem eingepasst werden. Statt völlig frei zu arbeiten wie bisher, muss er sich nun einem Drehbuch unterordnen. The Cameraman ist seine letzte große Arbeit über die Mechanik des Films – und ein authentisches, noch nicht ausreichend gewürdigtes Gegenüber zu Vertovs Mann mit der Kamera, der im gleichen Jahr in der Sowjetunion entsteht.
 
Mit dem Übergang zum Tonfilm wird Keaton schnell in Routineproduktionen verheizt. Er duldet und trinkt. Zwei Ehen scheitern. Er wird gefeuert. Als Gagschreiber, u.a. für die Marx Brothers, kehrt er Mitte der 1930er Jahre zu MGM zurück; sein Spätwerk beschränkt sich aber auf Kleinstrollen (unter denen sich freilich auch seine legendäre Zusammenarbeit mit Samuel Beckett befindet: der 2012 restaurierte Film namens Film). Am 1. Februar 1966 stirbt Buster Keaton an Lungenkrebs, in einer Zeit, die sein Genie gerade neu zu entdecken begann.
 
Die Retrospektive findet mit Unterstützung der US Embassy in Österreich statt und umfasst sämtliche überlieferten Kurz- und Langfilme, die Buster Keaton zwischen 1917 und 1929 gedreht hat. Ergänzend werden sein erster Tonfilm, "Free and Easy", einige der letzten Filmauftritte wie "Film" sowie Kevin Brownlows episches Keaton-Porträt "A Hard Act to Follow" gezeigt. Zum Auftakt der Schau präsentiert Klaus Nüchtern sein neues Buch über Buster Keaton.
Zusätzliche Materialien