Jerry Lewis

The Ladies Man, 1961, Jerry Lewis
18. Oktober bis 24. November 2013
 
Der heute 87jährige Schauspieler-Produzent-Regisseur Jerry Lewis steht wie wenige andere für ein Vierteljahrhundert Nachkriegskomödie – mit ihrer neurotischen Mischung aus verlorenen Illusionen und Hoffnung wider alle Vernunft. Er war The Stooge (1952) und der Errand Boy (1961), er sah sich als Ladies Man (1961) und als Nutty Professor (1963), er war Kind (You’re Never Too Young, 1955) und Kämpfer gegen Hitler (Which Way to the Front?, 1970). Danach war er, und ist es noch, der King of Comedy (1983).
 
Dennoch ist auch die Zeit, in der Jerry Lewis’ Filme und Fernsehshows zum europäischen Kern-Repertoire der haltlosen Heiterkeit zählten, schon wieder ein Vierteljahrhundert vorbei. Bis 1990 ungefähr waren sie Teil einer kollektiven Sozialisation: Man wuchs auf mit seinen Clownerien, Grimassen, Travestien und lernte so, schon in jungen Jahren, allerhand über das Zwiespältige zwischenmenschlicher Beziehung. Denn die denkwürdigen sadomasochistischen Psychospielchen, die er und sein langjähriger Partner Dean Martin in Kino­perlen wie Norman Taurogs You’re Never Too Young oder Frank Tashlins Artists and ­Models miteinander trieben, waren durchaus beunruhigend. Man spürte, dass dieses in jeder Hinsicht ungleiche Gespann aus Rat Pack-Gott und Neurosenbündel mehr eine Not- und Zeit-, denn Lebensgemeinschaft war – hier hatten sich zwei gefunden, deren Miteinander eher über geteilte Antipathien als eine innere Verbundenheit funktionierte.
 
Der gemeinsame Feind war eine durch die Selbstdisziplinierungszwänge der Nachkriegszeit und die Weltherrschaftsansprüche des Kalten Kriegs definierte Kultur. Ihr hielten Martin & Lewis den Zerrspiegel vor. In Hochform – z. B. in The Stooge, The Caddy oder Living It Up – verkörperten der smart-lässige Genussmensch und der linkisch-zerstörerische Schussel den Amerikanischen Alptraum in seinen gellend-schreiendsten Schattierungen. Auf die Dauer konnte das allerdings nicht gut gehen: Nach Tashlins kapitalem ­Holly­wood or Bust (1956) trennten sich ihre Wege.
 
Obwohl Lewis mit seiner ersten Regiearbeit The Bellboy auch gleich einen Solo-Geniestreich vorlegte, prägte ihn der Verlust seines more or less significant other stärker, als er selbst je zugeben wollte. Einer seiner bedeutendsten Filme, die sardonisch-perverse Jekyll & Hyde-Variation The Nutty Professor, lässt sich als intime Reflexion über die Jahre mit Dean Martin verstehen: Häme und Bos­heit sind hier unentwirrbar verstrickt mit einem dumpf pochen­den Gefühl von Verlorenheit, einer Art Phantomschmerz. Lewis konnte sich danach, in Pirandello-haften Filmen wie The Family ­Jewels oder Three on a Couch, so oft aufspalten und vervielfäl­tigen, wie er wollte – er blieb stets allein. Horror vacui.
 
Frank Tashlin – Animationsfilmgenie, Kinderbuchvisionär und ­Gesellschaftsskeptiker – wurde früh zu Lewis’ bevorzugtem Regisseur. Das zeigt ihre fast zehn Jahre währende Serie von Glanztaten – z. B. The Geisha Boy, Cinderfella, Who’s Minding the Store und The Disorderly Orderly – ebenso wie die Lehrerfunktion, die Tashlin in Lewis’ anrollender Regiekarriere innehatte. Auch für den legendären Jerry-Lewis-Kult in der europäischen Cinephilie der 50er und 60er Jahre war Tashlin zentral: Die Wertschätzung seines Schaffens verstärkte das Interesse an Lewis. Die transatlantischen Scharmützel tobten dann vor allem um Lewis, dessen im Gestus juvenile, im Geiste Juvenal’sche Lust am Spiel mit dem kulturell „Minderwertigen“ selbst aufgeschlosseneren Kritikern in den USA oft verborgen blieb (hier hatte man aufgrund seiner Bühnen- und TV-Auftritte auch ein anderes, eher von Wortwitz und zynischem Hipstertum geprägtes Lewis-Bild). Die vom Surrealismus inspirierten Kreise der französischen Filmkritik sahen in Tashlin und Lewis hingegen Beispiele für eine vulgäre, aber doppelbödige Populärkultur: Mit ihr konnten geistige Verkrustungen aufgebrochen und Einsichten in die toten Winkel der Gesellschaft gewonnen werden.
 
Die frühen 1960er Jahre werden meist als Hochphase des ­Lewis’schen Genies apostrophiert: Von The Bellboy bis Family ­Jewels, deren gestalterische Virtuosität und psychologisch frostige Tiefe filmhistorisch kaum Vergleichbares kennt, war er einer der größten Regisseure aller Zeiten. Aber wie es sich für einen wahren Pantheon-Auteur gehört, erweisen sich die scheinbaren Nebenwerke oft als besser und langlebiger, als die Überlieferung besagt. Die Filme der Martin & Lewis-Periode mögen inszenatorisch oft ­kon­ventionell sein, doch das verstärkt letztlich ihren ätzend-­anarchisch-transgressiven Humor. Lewis’ Satiren und Mummenschanze der späten 60er Jahre wiederum sind gezeichnet von ­immer schlimmerer Verzweiflung – die Filme werden zerschossener, die Witze kälter und kruder; Höhepunkt dieser Periode ist passenderweise eine ungeheuerliche Kriegsgroteske: Which Way to the Front?
 
Nach The Day the Clown Cried (1972), dem wohl unvollendeten, nie öffentlich gezeigten Drama um einen Clown im KZ, der mit ­seinen Narreteien die Kinder von ihrer baldigen Vernichtung ablenken soll, zog sich Lewis aus dem Kino zurück. Hardly Working (1980) und Smorgasbord (1983) waren in ihrem farcenhaften Gegenwarts-Widerwillen nicht so sehr Comeback-Versuche als grantige Lebens­zeichen, während seine Parforce-Performances in Martin Scorseses King of Comedy und Peter Chelsoms Funny Bones (1995) ahnen lassen, welcher Abgrund schwarz und tief in Jerry Lewis gähnt.
 
Ein gemeinsames Projekt des Filmmuseums und der Viennale, in Partnerschaft mit der ­Academy of Motion Picture Arts and Sciences, Los Angeles. Unser Dank gilt weiters Bob Furmanek und Chris Fujiwara, dem Autor des Standardwerks über Lewis, der – so wie Adrian Martin und Jonathan Rosenbaum – Einführungen zu Filmen der Retrospektive geben wird.
 
Neben Auszügen aus Jerry Lewis’ und Dean Martins herausragender Fernseh-Arbeit (für die „Colgate Comedy Hour“) wird ein sensationelles Dokument aus dem Jahr 1982 gezeigt, das erst heuer wieder aufgetaucht ist: Die Serie Bonjour Mr Lewis von Robert Benayoun ist eine bis an den Rand mit unbekanntem Lewis-Material gefüllte Schatzkiste, ergänzt durch Hommagen prominenter Regisseure und Schauspieler (von Fellini bis Mel Brooks) und Backstage-Aufnahmen. Drei Blöcke zu je zwei Stunden: der lustvollste Intensivkurs, der sich zum Thema Jerry Lewis denken lässt.
 
Zur Schau erscheint ein deutschsprachiger Katalog, der neue und klassische Texte, aus­gewählte Interviews, autobiografisches Material sowie Besprechungen aller gezeigten ­Filme enthält.
Zusätzliche Materialien