Land of the Dead
Horrorfilme 1968–1987

The Shining, 1980, Stanley Kubrick

29. August bis 15. Oktober 2014

 

„Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind.“ (Heiner Müller)

Im Zuge seiner mehrteiligen Retrospektive zum Kino des Fantastischen und des Schreckens lädt das Filmmuseum erneut ins Land der unruhigen Seelen. Während der erste Teil im Herbst 2013 ein halbes Jahrhundert Film­geschichte erschloss, in dem das Horrorgenre sich (buchstäblich) erst einen Namen machte und seine ersten klassischen Hochphasen ­erlebte, wird nun ein vergleichsweise kleiner Zeit­raum ins Auge gefasst: Aufgrund der explosionsartigen Entwicklung der Produktion in den beiden Dekaden nach 1968 vollzog ­der Horrorfilm seine modernen Transformationen nämlich in Höchst­geschwindigkeit. Ästhetisch wie inhaltlich wurden immer radikalere Positionen bezogen, auch weil offenere Gewaltdarstellungen möglich (und bald zur kommerziellen Bedingung) wurden. Indessen widmete sich eine zweite Traditionslinie der Weiterführung klassischer fantastischer Sujets in einer gewandelten Kinolandschaft: Ambitioniert literarische Ansätze und subtile Schreckensbilder begleiteten die Eskalation filmischer Schocks – manchmal sogar in ein und demselben Film.
 

Das Jahr 1968 darf auch im Horrorfilm als Umbruchsdatum ­gelten: In den USA sind die Zensurschranken des Production Code gefallen – und George A. Romero legt mit seinem Debüt Night of the Living Dead das stilbildende Werk der neuen Ära vor. Die (ökonomisch bedingte) pseudodokumentarische Ästhetik schafft eine Glaubhaftigkeit, die Romeros Tabubrüche noch schärfer konturiert, während die allegorischen Anklänge seiner Zombie-Invasion dem Genre eine neue, „direkte“ politische Stoßrichtung geben: Bilder einer Nation im selbstzerstörerischen Aufruhr zwischen Bürgerrechtsbewegung und Vietnamkrieg.
 

In den 1970er Jahren bringt das US-Horrorkino unter dem Deckmantel von Exploitation-Ware eine Reihe subversiver Gegenentwürfe zu den harmonisierenden Gesellschaftsbildern Hollywoods hervor. Romero ist wohl die Schlüsselfigur dieser engagierten Schocker-Welle – sein Dawn of the Dead darf als Zentralwerk des kapitalismuskritischen Kinos gelten. Der Welterfolg von Roman ­Polanskis Rosemary's Baby macht 1968 aber auch zum Jahr, in dem sich der einst verrufene Horrorfilm endgültig als attraktive ­Option für größere Mainstream-Produktionen etabliert, während die künstlerische Salonfähigkeit des Genres bereits durch Horror-Ausflüge von Größen wie Ingmar Bergman (Die Stunde des Wolfs) oder Federico Fellini (Toby Dammit) bestätigt wird.

 
Zugleich erreicht Englands phantastisches Kino mit Terence ­Fishers Meisterwerken The Devil Rides Out und Frankenstein Must Be Destroyed den Höhepunkt. Auf die Demontage des überheblichen Menschen(-Schöpfers) in letzterem folgt bald eine Art Selbstdemontage der britischen Schauerproduktion – zuvor entstehen mit The Wicker Man oder Nicolas Roegs Don’t Look Now aber noch einige sehr ungewöhnliche, eigenständige Entwürfe. ­Parallel zu Roegs barocker Adaption einer Kurzgeschichte von Daphne du Maurier wird auch anderswo – oft „unverfilmbar“ genannte – Literatur in erstaunliche Kino-Phantasmagorien übersetzt: Fellinis Adaption von Edgar Allen Poe, Harry Kümels Malpertuis (nach dem Roman des Belgiers Jean Ray) oder Wojciech Has’ Das Sanatorium zur Sanduhr nach Bruno Schulz, dem „polnischen Kafka“.

 
Die zentrale Zündung im modernen Horrorfilm verdankt sich ­jedoch einem transatlantischen Austausch: Die blutigen Gore-­Effekte erfolgreicher US-Exploitation der Sixties werden von den Vertretern des italienischen Giallo aufgegriffen; Veteran Mario Bava produziert mit Reazione a catena 1971 die Blaupause für den ­Slasherfilm; John Carpenters perfekt komponierter Hit Halloween erntet 1978 die böse Saat und wird der einflussreichste Film für die nächste Dekade.

 
Während Dario Argento in Italien den Giallo mit stupender Stilisierungskunst zum abstrakten Alptraum eines cinéma pur erhebt und Lucio Fulcis furioser Provinzschocker Non si sevizia un pape­rino in Tobe Hoopers Hinterwäldler-Horror The Texas Chain Saw Massacre widerhallt, wendet sich das Gros des Genres bald schwachen Imitaten dieser Formeln zu. Ausnahmen wie Fred ­Waltons When a Stranger Calls, Sam Raimis delirierendes Debüt The Evil Dead und Wes Cravens traumhafter Nightmare on Elm Street bestätigen die Regel. Raimi, Stuart Gordon oder – in Deutschland – Jörg Buttgereit mit Nekromantik stehen auch für den letzten Schub an frischer Underground-Erfindungskraft in den 1980ern, bevor sich das Horrorkino zusehends in einer selbstreferenziellen Postmoderne auflöst.

 
„Land of the Dead“ präsentiert die berühmten filmischen Eckpfeiler dieser Entwicklung – teilweise in hierzulande nie gezeigten Langfassungen (etwa von Stanley Kubricks The Shining und Joe Dantes Gremlins) und legt ein Augenmerk auf den internationalen Kontext: Die Auswahl wird komplettiert durch entscheidende, ­häufig vernachlässigte Hauptwerke des Horrors aus Asien, der aufbrechenden Filmindustrie Australiens und der starken spanischsprachigen Tradition des Phantastischen sowie durch die Beiträge visionärer Einzelgänger wie dem Franzosen Jean Rollin oder dem Kanadier David Cronenberg.

 
Die Schau wird begleitet durch Einführungen von Christoph Huber und Hans Langsteiner. 

Zusätzliche Materialien