Paul Verhoeven

Flesh and Blood, 1985, Paul Verhoeven (Foto: Impala S.A./Riverside Pictures)

3. bis 19. Juni 2016
 

„Can you do it faster? Don’t drag!” ist eine Anweisung, die man bei Dreharbeiten von Paul Verhoeven angeblich oft zu hören bekommt. Der 1938 in Amsterdam geborene Regisseur arbeitet wie ein Kompressor: Er setzt Situationen und Figuren unter Druck, um Machtverhältnisse überdeutlich sichtbar zu machen, im Kleinen wie im Großen. Dieser Exzess des Sichtbarmachens, nicht zuletzt in Form von Schockmontagen, kann als wesentliche Signatur seines Kinos betrachtet werden. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Verhoeven den Druck der Gesellschaft selbst erlebte, als er im holländischen Leiden an einer der ältesten, konservativsten Universitäten studierte, um 1964 Doktor der Mathematik zu werden. Die dortigen Zwänge nährten seine Lust an der Provokation und den Hang zum Surrealen: Seine Tabubrüche entspringen immer auch einem präzisen Wissen um soziale Regeln.

 
Verhoevens 14 Kinolangfilme seit 1971 (zu denen heuer ein fünfzehnter, Elle mit Isabelle Huppert, gestoßen ist) kreisen implizit um die Frage, wo genau – zwischen Genre und Experiment, Unterhaltung und Subversion, Kommerz und Obsession – ein Künstler im Medium Film seinen Platz finden kann. In seinem Fall lassen sich die Grenzen und Chancen einer politique des auteurs noch weniger eindeutig benennen als üblich, denn das Verhoeven-Œuvre verteilt sich auf zwei Welten: die spezifisch europäische Philosophie-, Kunst- und Filmtradition (Existentialismus, niederländische Malerei, Surrealismus) – und Hollywood, eine Kulturindustrie mit enormen Möglichkeiten und enorm einschränkenden Parametern.

 
In beiden Welten hat Verhoeven moralische wie technische Grenzen immer aufs Neue herausgefordert. Und in beiden legte er sich sowohl mit dem Establishment, mit Geldgebern und Zensurbehörden als auch mit der counter-culture an, die seinen Filmen vorwarf, pervertiert, misogyn, homophob, faschistoid (oder alles zugleich) zu sein. Mit seinem immer wieder zitierten „Referenz-Regisseur“ Alfred Hitchcock teilt er den Drang, Mainstream-Erzählungen so subversiv wie möglich auszugestalten: kaum ein Bild ohne Ambiguität, Ironie, Abgrund. Hinter jedem Film lauert ein anderer Film, in jedem Genreaspekt der Autorensplitter.

 
Dass Künstler/innen in Verhoevens Kino aufgewühlte, non-konforme Wesen mit nahezu terroristischen Zügen sind, wird bereits in Türkische Früchte (1973) mit Rutger Hauer (einem Alter Ego des Regisseurs) deutlich. In Der vierte Mann (1983) spitzt er dieses Thema phantasmagorisch zu und führt es in Hollywood, mit dem Erfolg von Basic Instinct (1992) und dem legendären Scheitern von Showgirls (1995), endgültig aufs Glatteis – glatt auch im Sinne der verwendeten Texturen; in Wahrheit aber noch düsterer und Camp-lastiger als zuvor.

 
Den Übergang zwischen diesen beiden Produktionswelten markiert Flesh+Blood (1985), gedreht mit amerikanischem Geld in Europa. Vor mittelalterlicher Kulisse erzählt dieser Film vom Kampf zweier Krieger um eine Frau und somit von einem Lieblingsthema Verhoevens: der Frau als Motor des Geschehens. Hier verdichten sich alle Obsessionen, die er anschließend über den Atlantik tragen wird: die Verbindung von Liebe und Tod, Gewalt und Sexualität; die fluide Kameraarbeit; satirisch formulierte Kritik an Führerfiguren, Propaganda und den Gewaltpotenzialen staatlich-kirchlicher Institutionen. Schon in Holland benutzte Verhoeven ein scheinbar geradliniges Epos wie Der Soldat von Oranien (über die Rolle der Niederlande im Zweiten Weltkrieg) als trojanisches Pferd zum Zweck der Gesellschaftskritik. Dieser Bilderschmuggel setzte sich in Hollywood fort. Science-Fiction-Filme wie RoboCop (1987) und Starship Troopers (1997) dienten ihm als Vehikel einer pointierten Analyse der (Post-)Reagan-Kultur.

 
Im neuen Jahrtausend kehrt Verhoeven Hollywood den Rücken. Mit Zwartboek (Black Book), der Geschichte einer ums Überleben kämpfenden Jüdin im Holland der NS-Ära, nimmt er frühere Fäden auf und verknüpft sie neu: die Kollaboration mit dem Autor Gerard Soeteman, die Genre-Intensität seiner US-Jahre und die Sozialkritik der holländischen Filme. Vor allem jedoch findet er mit herzhaftem Engagement für die Protagonistin und in wagemutigen Bildern zu seinem alten Lieblingsthema zurück – dem Einsatz des Körpers und der Sexualität als Überlebensstrategie inmitten einer Repressions- und Ausbeutungsmaschinerie.

 

Wir freuen uns, dass Paul Verhoeven am 8. und 9. Juni zu Gast im Filmmuseum sein wird. Am 8. Juni findet eine Masterclass statt: Paul Verhoeven im Gespräch mit den Kuratoren Alejandro Bachmann und Matthias Wittmann. Die Schau bietet die (aufgrund rechtlicher Hürden) seltene Gelegenheit, 14 Kinofilme Verhoevens im Zusammenhang zu sehen.

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