Direct Cinema

Don't Look Back, 1967, D.A. Pennebaker

3. Mai bis 8. Juni
 
Die Filme von Robert Drew, Richard Leacock, Albert & David Maysles und
D. A. Pennebaker
 

In der Geschichte des Dokumentarfilms markiert das Jahr 1960 eine Zäsur: Nahezu zeitgleich entwickelte sich in den USA, in Kanada und in Frankreich ein neuer filmischer Realismus. Der erst­malige Einsatz von leichten, beweglichen 16mm-Kameras, neu entwickelten Objektiven und des kabellosen Synchrontons erlaubte es, Ereignisse und Personen in noch nie gesehener Direktheit zu zeigen – die Kinobilder erschienen wahrer, un­verstellter, lebendiger als jemals zuvor. So ver­änderte sich in kürzester Zeit nicht nur die dokumen­tarische Praxis, sondern auch die herkömmliche Vorstellung von filmischer Wirklichkeit.
 

Das amerikanische Direct Cinema mit seinen zentralen Protagonisten Robert Drew, Richard Leacock, Albert & David Maysles und D.A. Pennebaker wurde rasch zum Inbegriff dieser „neuen Unmittelbarkeit“. Es wandte sich gegen die künstlerische und ideologische Erstarrung in der offiziellen Kultur der 1950er Jahre und verschwisterte sich mit dem gesellschaftlichen Aufbruch nach 1960. Das Ideal der „Beobachtung ohne Eingriff“ fand seinen Ausdruck im selbst auferlegten Produktionsethos: Gestellte Szenen oder Veränderungen des Geschehens vor der Kamera wurden ebenso abgelehnt wie ein erklärender Off-Kommentar, zusätzliche Musik oder Interviews mit den Protagonisten.
 

Dieser Objektivitätsanspruch entfachte schon früh heftige Debatten (z.B. zwischen der intellektuellen Pariser Front des cinéma vérité und den pragmatischen New Yorkern); doch die Filme selbst waren nicht annähernd so dogmatisch wie manche Diskussionen. Von Anfang an finden sich in Direct-Cinema-Filmen Elemente der Selbstreflexion und komplexe Strategien, das Medium zu thema­tisieren. Die Präsenz der Kamera im Bild etwa war eines der grundlegenden Merkmale des Direct Cinema, das seine Glaubwürdigkeit nicht zuletzt aus dieser Transparenz der Drehbedingungen bezog.
 

Als programmatisch für die gesamte Bewegung gilt der Film ­Primary (1960), der den Vorwahlkampf von John F. Kennedy begleitete – eine Kollektivarbeit, an der neben dem Produktionsleiter Robert Drew maßgeblich seine „Associates“ Leacock und (als ­Kameramänner) Al Maysles und Pennebaker beteiligt waren. Für die Filmemacher selbst wie für Kritik und Publikum vollzog Primary den Aufbruch in eine neue Ära – ähnlich wie Kennedys baldige Inauguration auf politischer Ebene. Diese „filmhistorische Revolution“ ­erfolgte freilich im Fernsehen: Die Filme der Drew Associates wurden in Kooperation mit dem Sender ABC produziert und von Time Inc. finanziert. Der ehemalige Time-Journalist Robert Drew war der Motor dieser frühen Jahre: Er konzipierte den Dokumentarfilm als konfliktbezogenes „Drama der Wirklichkeit“. Von Yanki No! (1960) und Petey and Johnny (1961) über Jane [Fonda] (1962) bis Crisis und The Chair (1963) gerieten seine Filme zu exemplarischen Zeugnissen der Debatten in der US-Gesellschaft jener Jahre – Kalter Krieg und Kuba, Bürgerrechtsbewegung und Rassismus, Kennedys „Medien-affine“ Präsidentschaft.
 

Nach Auflösung der Drew-Gruppe (1963) entwickeln Leacock, Pennebaker und die Maysles-Brüder in ihren unabhängigen Werken noch radikalere Darstellungsformen – und stellen die Frage nach „Authentizität“ versus „Konstruktion“ immer wieder neu. Sie beschäftigen sich mit der Inszenierung von Politik (Campaign Manager, 1964; Hier Strauss, 1965; The War Room, 1993) ebenso wie mit den Verwerfungen im Medienbusiness (Happy Mother’s Day und Showman, beide 1963). Und sie balancieren geschickt zwischen Markt und autonomer Kunstarbeit – sei es in den zahlreichen Rockmusikfilmen (Don’t Look Back mit Bob Dylan, 1967; Monterey Pop, 1968; die Stones in Gimme Shelter, 1970; David Bowie in Ziggy Stardust and the Spiders from Mars, 1973) oder in den intimen, ­unkonventionellen Porträts von Stars wie Marlon Brando, Igor ­Stravinsky, Truman Capote, den Beatles, Christo oder Muhammad Ali und Larry Holmes.
 

Ungeachtet dieser thematischen Vorlieben findet sich im Werk von Leacock, den Maysles und Pennebaker eine erstaunliche Vielfalt: Komplexe psychologische Porträts – wie die Klassiker Salesman oder Grey Gardens – stehen neben quasi-ethnographischen Studien des amerikanischen Hinterlands (z.B. Queen of Apollo, The Burks of Georgia oder Community of Praise) und offenen dokumentarischen Formen (Town Bloody Hall mit Norman Mailer oder Elliott Carter at Buffalo).
 

Bis heute ist in diesen Filmen die Faszination und Euphorie spürbar, mit der sie eine Schwelle überschritten: zwischen der öffent­lichen, „künstlichen“ Bühne der Populärkultur bzw. der „großen ­Politik“ und dem Privaten, Abseitigen, Intimen. Im Auge der Direkt-Dokumentaristen wurden die größten Zelebritäten zu Helden des Alltags – und umgekehrt. Diese „neue Nähe“ zwischen Bürger und Star war natürlich eine Konstruktion, aber noch frei von Zynismus: In seinem Selbstverständnis war das Direct Cinema ein optimistischer Beitrag zur Demokratie unter Medienbedingungen – Filme für ein Publikum, das nicht mehr bevormundet werden wollte. Die Ambivalenz, die in diesem Ideal ursächlich enthalten ist, bleibt ­ihnen immer ablesbar: Sie dokumentieren neben ihren Sujets und Protago­nisten stets auch die parzivaleske Suche nach der Wahrheit des Films.
 

Die Retrospektive, kuratiert von Constantin Wulff und Elisabeth Fraller, stellt zum ersten Mal in Österreich das Direct Cinema in einer großen Zusammenschau dar. Als Gäste werden Robert Drew und Richard Leacock erwartet.
 

Eine gemeinsame Veranstaltung des Filmmuseums mit Navigator Film in Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen, unterstützt vom Verein der Freunde der Filmakademie, dem Fachverband der Film- und Audiovisionsindustrie und Kodak.

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