Alfred Hitchcock
Das Gesamtwerk Teil 2

Vertigo, 1958, Alfred Hitchcock
5. Jänner bis 4. Februar 2008

 
Der zweite Teil der großen Schau des Filmmuseums präsentiert Alfred Hitchcocks Schaffen ab 1948. In jenem Jahr vollzieht der Regisseur den Schritt zur Farbe und in die Unabhängigkeit: Rope, sein erster selbst produzierter Film, ist eine nahezu experimentelle Studie über Schuld und Verbrechen, gedreht in 10minütigen, ungeschnittenen Sequenzen. Weder Rope noch der folgende Film – das gewaltige Melodram Under Capricorn mit Ingrid Bergman – werden große Kassenerfolge, doch die künstlerische Autonomie, die Hitchcock mit diesen Filmen unter Beweis stellt, gibt er nie wieder auf.

 
Spätestens mit Strangers on a Train (1951) und Rear Window (1954) wird sein Name endgültig zum Markenzeichen. Doch im Gegensatz zu anderen Labels der Kulturindustrie erschöpft sich das Gütesiegel „Alfred Hitchcock“ nicht in einigen prägnanten, wiedererkennbaren Elementen wie Suspense, schwarzer Humor und auffällige technisch-visuelle Gimmicks. Jenseits dieser (zu Recht gefeierten) Werkoberfläche tut sich ein unerschöpflicher Kosmos auf, eine praktische Kino-Philosophie, deren Facettenreichtum immer neue und weiter anwachsende Lektüren, Spekulationen, Forschungsansätze hervorbringt. Hitchcocks „Erfolg“ in den Geisteswissenschaften hält sich mittlerweile die Waage mit der ungebrochenen Wirkung seiner Filme auf das breite Publikum – und auf andere Künstler. Kein Hollywoodregisseur hat annähernd so viele (nichtfilmische) Kunstwerke, Museumsausstellungen, Kongresse und akademische Karrieren inspiriert wie Hitchcock.
 
Unter den vielfältigen, oft zitierten Spiegelungen im Werk des Filmemachers sticht eine ganz grundlegende hervor: Sein obsessiver Stilwille ist der unablässige Versuch, das Dickicht „innerer“ Obsessionen zu bannen, d.h. in kühles Handwerk zu transformieren. Damit ist weniger die Innenwelt des Autors gemeint (z.B. seine Vorliebe für Motive wie Schuldübertragung und verdrängte Sexualität, in denen seine katholische Erziehung nachhallt), sondern vor allem das „Innere“ des Mediums selbst. Hitchcocks eindrückliche Inszenierung von Voyeurismus, Fetischismus und ödipalen Konstellationen führt mitten in den Maschinenraum jenes Imaginations- und Identifikationstankers, der Mitte des 20. Jahrhunderts die Weltmeere beherrschte: das klassische Erzählkino Hollywoods.
 
Unter den absoluten Höhepunkten im späten Werk Hitchcocks finden sich einige kaum bekannte Filme wie das beklemmende Nachtstück The Wrong Man (1957, mit Henry Fonda) oder einstige „Flops“ wie Marnie (1964), dessen radikale Künstlichkeit immer noch verstört. Und jene, die bereits damals Greatest Hits waren, sind es noch heute: To Catch a Thief (1955), The Man Who Knew Too Much (1956), North By Northwest (1959), Psycho (1960) oder The Birds (1963). Ein einziger sticht vielleicht heraus, unverstanden in seiner Zeit, heute umschwärmt als einer der einflussreichsten Filme überhaupt – Vertigo (1958). Der deutsche Verleihtitel dieses Gesamtkunstwerks der Kino-Perversionen ist ebenso treffend wie das Original: „Aus dem Reich der Toten“. Vertigo und seinen Cousins im Genre des „Zweimal-lebens“ ist auch das Jänner-Kapitel der Reihe „Die Utopie Film“ gewidmet – von Chaplin bis Antonioni, von Godard bis Lynch und Kiarostami.
 
Ein Aspekt, der in der cinephilen Begeisterung über Hitchcock gern unterschlagen wird, ist sein TV-Schaffen: Die Serie „Alfred Hitchcock Presents“ war ein Hauptgrund für seine weltumspannende Bekanntheit – und zugleich ein Terrain, auf dem er ebenso große Experimentierlust und Innovationsfreude bewies wie im Kino. Die insgesamt 20 filmischen Kurzgeschichten oder „Novellen“, die er zwischen 1955 und 1962 für das Fernsehen inszenierte, zählen zu den besten Erfahrungen die man mit diesem Medium machen kann – was sich auch für ihn selbst so darstellte: Die Ästhetik, die Produktionsweise und der Erfolg seines Horror-Meisterstücks Psycho sind ohne Hitchcocks damaligen Fernseh-Hintergrund nicht denkbar.

 
Die Schau findet in enger Zusammenarbeit mit dem BFI National Archive statt. Sie präsentiert neben sämtlichen Kino- & TV-Filmen des Regisseurs acht weitere Programme bzw. Vorträge: rare Filmdokumente, Produktionsgeschichten, Gespräche mit Hitchcock und künstlerische Neubearbeitungen seiner Filme. Das von ihm mitgestaltete Projekt Memory of the Camps steht am Beginn der neuen Reihe Filmdokumente zur Zeitgeschichte.
 
Michael Hofstätter/Pauhof hält am 16.1. einen illustrierten Vortrag über Hitchcocks Räume. Am 24.1. findet in Kooperation mit der Sigmund Freud Privatstiftung ein Hitchcock-Vortrag der britischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey statt. Im Freud-Museum ist bis 2.2. die Hitchcock-Installation Phoenix Tapes von Christoph Girardet & Matthias Müller zu sehen.

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Programm: