Wahl der Waffen
Der französische Kriminalfilm 1958–2009

Plein soleil (Nur die Sonne war Zeuge), 1960, René Clément (Foto: Deutsches Filminstitut)
26. August bis 12. Oktober 2016
 
Zum Saisonauftakt präsentiert das Filmmuseum die zweite Hälfte seiner großen Schau zum französischen Kriminalfilm: Ausgehend vom Innovationsschub durch die Nouvelle Vague um 1960 wird der Krimi aus seiner klassischen Periode in die Moderne geschleudert. Als Genre-Spiegelbild der nationalen Verfassung erlebt er dabei nicht nur eine ästhetische Wandlung, sondern auch eine politische und kulturelle.
 
Während Jean-Pierre Melville, als Galionsfigur und Vorbild, den Gangsterfilm zu absoluter "Reinheit" führt, macht sich eine neue Regie-Generation – von François Truffaut bis Claude Sautet – daran, das Traditionsgenre für ein verjüngtes Publikum von Grund auf zu überholen. Dabei wird Vaterfigur Jean Gabin als Inbegriff des internationalen Superstars à la française von einem neuen Männertypus abgelöst: Lino Ventura reüssiert als ruppigerer Nachfolger Gabins, und Jean-Paul Belmondo sichert sich mit jugendlicher Coolness einen – abgesehen vielleicht von Alain Delon – einzigartigen Status, der insbesondere im Kriminalfilm Dekaden mitprägt. Erst in den Achtzigern findet sich in Gérard Depardieu ein würdiger Erbe – im Geiste einer rohen Wildheit, gespeist aus der Politisierung und radikalen Zuspitzung des Genres durch federführende Regisseure der 70er Jahre (Alain Corneau, Yves Boisset, Philippe Labro) und Autoren wie Jean-Patrick Manchette, Schöpfer des französischen Krimi-Überbegriffs Polar.
 
Parallel dazu führt die Entwicklung des populären Kinos in Richtung Oberflächenspannung – etwa bei den Action-Serien um Belmondo – zur Geburt des Cinéma du look, geprägt Anfang der Achtziger von Jean-Jacques Beineix' Diva und in den folgenden Dekaden von Luc Besson (Nikita) zur Weltexport-Marke gemacht. Doch im Gegensatz zum Rest Europas hat sich Frankreich erfolgreich gegen die gleichzeitige Nivellierung des Krimis unter fortschreitendem Druck der Fernseh-Konkurrenz behauptet: Zentralwerke von Altmeistern wie Claude Chabrol (La Cérémonie) belegen das ebenso wie die Weiterführung der soziologischen Polar-Tendenz im neuen Millennium bei Jacques Audiard oder Éric Valette.
 
Der Umbruch des französischen Krimis ab Ende der 50er Jahre folgt einem neuen, frischen Lebensgefühl, einem Aufbegehren gegen den Paternalismus der Nachkriegsjahre. Es ist international ausgerichtet und neigt zu verspielter Stilisierung – parallel zur Hollywood-geprägten politique des auteurs der Nouvelle Vague. Der US-Einfluss zeigt sich in Jean-Luc Godards Gangsterfilm-Radikalkur À bout de souffle, die dem Billigstudio Monogram gewidmet ist, in Truffauts Adaption von Krimi-Kapazunder David Goodis mit Tirez sur le pianiste oder bei Louis Malle, der Miles Davis für den Sound-track zu Ascenseur pour l'échafaud engagiert. Thriller-Gott Hitchcock wird zum Bezugspunkt für Truffaut (La Mariée était en noir mit Jeanne Moreau als femme fatale) wie für den Veteranen René Clément, der mit Plein soleil Delon als amoralischen Killer zum Star macht. Indessen erlebt der Polar dank radikaler Entschlackung und maximaler Lakonie eine ganz eigenständige Modernisierung, angekündigt in Sautets Classe tous risques, vollendet in Melvilles Meisterwerken.
 
Für einen weiteren Schub sorgten der Aufruhr im Mai 1968 und das darauffolgende Ende der Ära De Gaulle – ein Symbol für "Stabilität", das freilich längst wirtschaftlich und sozial angeknackst war. Während Chabrol-Hauptwerke wie Le Boucher die innere Fäulnis der Bourgeoisie auf den Punkt brachten, entstand auch eine linksradikale beziehungsweise anarchisch-satirische Strömung – ein härterer, wütender, geschärfter Neo-Polar, inspiriert von den Kriminalromanen Jean-Patrick Manchettes. Der (auch in seinem Humor) tiefschwarze Terror-Thriller Nada, Gipfeltreffen von Chabrol und Manchette, ist das Nonplusultra systemischer Kritik in den 70er Jahren. Zum zentralen Filmemacher dieses Aufbruchs wird jedoch Yves Boisset, flankiert von Anarchisten wie Jean-Pierre Mocky (L'Albatros) und Regievirtuosen wie Philippe Labro (L'Héritier).
 
Boissets Demontagen der Polizei (Un condé, La Femme flic) und der Justiz (Le Juge Fayard dit le Shériff) fusionieren die Kraft des populären Kinos und sozialen Protest auf mustergültige Art. Sein Meisterwerk, die antirassistische Krimi-Satire Dupont Lajoie, legt den Finger in eine klaffende Wunde: Die Reaktionen auf den Zustrom nordafrikanischer Immigranten prägen den Polar parallel zum nationalen Tagesgeschehen, über Bertrand Taverniers Kolonialära-Reflexion Coup de torchon und Maurice Pialats Genre-Abgesang Police bis zu La Haine von Mathieu Kassovitz. In La Haine kulminieren viele Schlüsseltendenzen: etwa die Banlieue-Analysen von Alain Corneau (in Série noire und am Rande von Le Choix des armes, seiner Krimi-Apotheose im Geiste Melvilles) – aber auch der Wandel des Kinos in Richtung Jugendkultur-Entertainment im Gefolge von Beineix und Besson. Die Polar-Renaissance im neuen Jahrtausend hat sich von dieser Entwicklung nicht entmutigen lassen: Filme wie Audiards die Angst vor Muslimen betonender Un prophète oder Valettes Une affaire d'état mit seiner linken Fusion von Korruptions-Politthriller und Polizistinnen-Power belegen die Wirkmacht von Polar-Traditionsbewusstsein im Zeichen einer neuen (Kino-)Ära.
 
Am 8. und 9. September wird Dominik Graf, der bedeutendste deutschsprachige Krimi-Regisseur, im Filmmuseum zu Gast sein und über den französischen Neo-Polar sprechen. Die Schau findet mit großzügiger Unterstützung der Cinémathèque suisse statt.
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