Filmmuseum ist.

Kooperation und Erschließung

Ivan Beliakov und Michail Kaufman in "Kinopravda Nr. 6" (1922, Dziga Vertov)
Das Filmmuseum genießt nicht allein aufgrund der Qualität seiner Programme und seines "Unsichtbaren Kinos" Weltruf. Auch unsere Sammlungen, die – durch umsichtige Ankäufe sowie großzügige Schenkungen von Freunden, Fördernden Mitgliedern und Archivpartnern – in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen sind, erfahren international einiges an Aufmerksamkeit.
 
Museen sammeln – im Unterschied zu Archiven oder Bibliotheken – Objekte (in unserem Fall Filme sowie begleitende Materialien und Artefakte), um diese individuell zu beforschen, in einen kulturellen Kontext zu stellen und in kuratierter Form zu präsentieren. Ein Kernbestand unserer Museumssammlung ist seit fünf Jahrzehnten die Sammlung sowjetischer Filme der 1920er und 1930er Jahre: "Revolutionskino" beziehungsweise revolutionäres Kino von Regisseuren wie Vertov, Eisenstein, Kulešov, Pudovkin, Kalatozov, Kozincev & Trauberg und vielen anderen. Etliche dieser Filme vermochten Peter Konlechner und Peter Kubelka bereits in den 1960er Jahren, während einer "Tauwetterperiode" in den sowjetischen Filmarchiven, nach Wien zu bringen. Für Cinephile aus ganz Europa war das oft die einzige Möglichkeit, diese Werke in unverstümmelten Versionen zu sehen, und auch heute noch begeistern diese historischen Filmkopien durch ihre hohe visuelle und handwerkliche Qualität.
 
Wenig Wunder, dass unsere Sammlung im Jubiläumsjahr der Russischen Revolution von 1917 viel gefragt ist. Im Herbst und Winter 2017 waren und sind Filmkopien sowie digitale Restaurierungen des Filmmuseums bei Sowjet-Filmretrospektiven und Ausstellungen zu sehen, u. a. in Berlin (Zeughauskino), Chicago (Art Institute of Chicago), Hamburg (Kommunales Kino Metropolis), Ljubljana (Slovenska kinoteka), Madrid (Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía und Filmoteca Española), Paris (Cinémathèque française, Centre Pompidou), in Würzburg und in Wien (Filmarchiv Austria). In den seltensten Fällen handelt es sich dabei um digitale Vorführformate: Obwohl das Filmmuseum auch solche herstellt, sind es unsere raren, bisweilen sogar einzigartigen Archivkopien, die über die internationale Gemeinschaft der Filmarchive und -museen als Botschafterinnen des Filmmuseums unterwegs sind.
 
Auch in Forschungs- und Vermittlungsbelangen haben unsere sowjetischen Sammlungen Konjunktur. Als wir uns vor elf Jahren entschlossen, die Sammlung Dziga Vertov im Österreichischen Filmmuseum – Fotos, Manuskripte, Skizzen, Selbstzeugnisse und Arbeitsmaterialien des Künstlers – zur Gänze zu katalogisieren und online zugänglich zu machen, hofften wir damit ein nachhaltiges Signal zur freien und kollaborativen Beforschung zu setzen. Im Dezember wird nun im Pariser Centre Pompidou die französische Ausgabe von Vertovs Schriften, Le Ciné-Œil de la Révolution vorgestellt, die in Kooperation mit dem Filmmuseum entstand und zahlreiche Objekte aus der Vertov-Sammlung enthält.
 
Seit September ist diese Sammlung in Tablet- und Mobiltelefontauglicher Form unter vertov.filmmuseum.at zugänglich; sie wird im Lauf der nächsten zwölf Monate spektakulär erweitert werden. Im Sommer begann die Arbeit an einer vollständigen Online-Edition von Vertovs Kinopravda-Wochenschau (1922–25), deren 22 überlieferte Ausgaben (etwa 8000 Meter Film!) digitalisiert sowie auf Deutsch und Englisch untertitelt werden. Wir planen diese wichtigen Quellen zur Film- und Kulturgeschichte sukzessive bis Dezember 2018 in HD-Auflösung und kostenlos online zu veröffentlichen, um ihre weitere Beforschung sowie ihre Verwendung für wissenschaftliche und Recherchezwecke zu stimulieren.