Maurice Pialat

Loulou, 1980, Maurice Pialat

1. bis 11. Mai 2004

 

„Was im Leben möglich ist und was nicht, das ist bei Pialat ein offenes Geheimnis, offen wie eine Wunde und das Meer.“ (Bert Rebhandl)
 
Im Mai zeigt das Filmmuseum das Gesamtwerk eines großen Einzelgängers im Weltkino. Maurice Pialat (1925-2003) galt als kompromisslos und „schwierig“; der Wille zur Konfrontation und die harte Schönheit der Figuren – „beunruhigte, beschleunigte Präzision“, wie Serge Daney schreibt – kennzeichnen sein schmales Werk: zehn lange, einige kurze Filme sowie ein monumentales TV-Projekt (La Maison des bois), das nun auch außerhalb Frankreichs entdeckt werden kann.
 
Wie Jacques Tati und Nicholas Ray hat Maurice Pialat lange gelebt, bevor er sich der Regie zuwandte – das Arbeiter- und Kleinbürgermilieu, in dem er aufwuchs und sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug, ist das bevorzugte Terrain seiner Filme. In den 50er Jahren erwacht sein Interesse am Kino, er verfertigt in loser Folge einige Kurzfilme, darunter sein erstes Hauptwerk, L'Amour existe (1960) und vier beeindruckende Arbeiten über die Türkei.
 
Erst 1969, im Alter von 44 Jahren präsentiert Pialat sein Kinodebüt. Der Rohdiamant L'Enfance nue weist bereits alle Charakteristika seines Stils auf – ein nahezu dokumentarisch anmutender, von langen Handkameraeinstellungen geprägter Umgang mit dem Sujet; die Verwendung von Laiendarstellern; abrupte Montage, die Handlungsblöcke ohne Hinweis auf die verstrichene Zeit aneinander setzt; und vor allem die Weigerung, dem Zuseher Erklärungen für das unberechenbare Verhalten der Protagonisten zu liefern.
 
Dass Pialat zuvor lange als Maler tätig war, wird man seinem Werk bis in die 80er Jahre kaum ansehen. Er sucht ein Kino absoluter Spontaneität und Körperlichkeit auf Kosten von edler Komposition und Psychologie. Man hat ihn deshalb auch öfters als „französischen Cassavetes“ bezeichnet. Ebenso stark ist in seinem Werk die Tradition von Jean Renoir ablesbar – gehärtet, verfinstert, aber im Kern um nichts weniger humanistisch.
 
Pialat setzt seinen Weg mit grandiosen Arbeiten wie Nous ne vieillirons pas ensemble (1972) und La Gueule ouverte (1974) unbeirrt fort, doch erst Loulou (1980) – der Beginn einer langen Partnerschaft mit Gerard Depardieu – bricht den Widerstand beim französischen Publikum. Für das Meisterwerk A nos amours (1983) entdeckt Pialat die junge Sandrine Bonnaire; der Film wird international gefeiert und ermöglicht Pialat erstmals Zugang zu größeren Budgets. Er erobert den Genrefilm (Police) und legt zwei außerordentliche historische Arbeiten vor: die dunkle Bernanos-Verfilmung Sous le soleil de satan (1987), ausgezeichnet mit der Goldene Palme in Cannes, und Van Gogh (1991) mit Jacques Dutronc in der Titelrolle, einen der größten und bewegendsten Filme, die es gibt.
 
Mit Le Garçu (1995) kehrt Pialat zur ungeschliffenen Ästhetik der früheren Arbeiten zurück und offeriert eine ebenso melancholische wie unversöhnte Summierung seines Werks. Der Abschied eines der unnahbarsten „Privatiers“ des Kinos: ein letzter, zerrissener Familienfilm mit Pialats vierjährigem Sohn in der Hauptrolle.
 
Die Retrospektive findet mit Unterstützung von Sylvie Pialat, des Institut Français in Wien und des französischen Außenministeriums statt. Sylvie Pialat, die den Nachlass ihres Mannes betreut, wird im Filmmuseum zu Gast sein, das bislang unbekannte Frühwerk aus den 50er Jahren vorstellen.
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