New Hollywood 1966-1978. Teil 1

Scorpio Rising, 1963, Kenneth Anger
1. bis 31. März 2004
 
Die Retrospektive der Berlinale 2004, gemeinsam organisiert von den Filmmuseen in Berlin und Wien, handelt vom US-amerikanischen Kino der Sechziger und Siebziger Jahre. Die umfangreichere Wiener Version der Schau findet in zwei Teilen statt; Teil 1 – das Märzprogramm – konzentriert sich auf den Zeitraum 1966-72.
 
Der Sammelbegriff „New Hollywood“ vermag nur ansatzweise den filmischen Reichtum zu erfassen, der aus dieser kulturellen und politischen Umbruchzeit hervorging. Neben den Innovationen bekannter Regisseure wie Martin Scorsese, Sam Peckinpah, Francis Ford Coppola, John Cassavetes oder Monte Hellman sind es auch die großen dokumentarischen und experimentellen Werke und Formen von Undergound- und Crossover-Kino, die den „aufgeheizten“ Charakter und die widerständigen Energien dieser Jahre nachvollziehbar machen.
 
Der mächtige Strom von Kreativität und Geistesgegenwart, der Filme wie Bonnie and Clyde, Faces, Night of the Living Dead, The Wild Bunch oder Medium Cool antreibt, hatte mehrere Quellen. In der US-Gesellschaft breitete sich nach der Ermordung John F. Kennedys, den „Rassenkrawallen“ Mitte der 60er Jahre und mit dem eskalierenden Vietnamkrieg ein umfassendes Krisengefühl aus. Gleichzeitig produzierten die Pop- und Subkulturen der „Baby-Boomer“-Generation einen überschwänglichen Glauben an die Veränderbarkeit des Status quo – und damit einen neuen Markt für die Befriedigung „nonkonformistischer“ Bedürfnisse, zB durch Rockmusik, Drogenkonsum und Filme wie Easy Rider. Der liberale Konsens im öffentlichen Diskurs wich der Rede von einer „gespaltenen Nation“, und ehemals minoritäre Positionen – linke Studenten und Afroamerikaner, Antikriegs- und Frauenbewegung – hatten plötzlich großen Anteil an diesem Diskurs.
 
Filmische Autorenschaft wurde in diesen Jahren erstmals auf breiter Basis anerkannt und öffentlich diskutiert. Dies lässt sich durch den hohen Status des europäischen Kunstfilms in „New Hollywood“ ebenso belegen wie durch die Tatsache, dass die bedeutendsten Künstler aus anderen Disziplinen – Warhol, Mailer oder Bob Dylan – für kurze Zeit ganz auf das Medium Film setzten. Nur kurz, von 1969 bis 1971, währte auch die Bereitschaft der
 
Filmindustrie, radikale Interventionen von jungen Außenseitern zuzulassen. Der Niedergang des alten Studiosystems, der Einbruch der Kassenergebnisse und der kommerzielle Erfolg von Easy Rider ermöglichten einen „verwirrten Freiraum“, der sogleich von Meisterwerken wie Five Easy Pieces, The Last Movie oder Two-Lane Blacktop genützt wurde. Neben ihnen, unvergleichlich und unübertroffen, steht Wanda von Barbara Loden – einer der wenigen New-Hollywood-Filme, der ganz und gar einer autonomen weiblichen Vorstellungskraft geschuldet ist.
 
Francis Ford Coppolas The Godfather und Martin Scorseses Mean Streets deuten mit ihrer überzeugenden und beklemmenden Re-Vision des Gangsterfilms bereits den weiteren Weg des Neuen Hollywood an, wie auch die Western von Sam Peckinpah: Das Kino der Genres ist nicht zum Verschwinden bestimmt, sondern zum Neuerfinden; und zum Vertiefen (oder Verbinden) der schlimmsten Wunden einer Epoche.
 
Der zweite Teil dieser Retrospektive, der das US-Kino der Jahre 1973-78 beleuchtet, ist von 5. bis 30. April im Filmmuseum zu sehen. Das Gesamtprojekt "New Hollywood" wurde in enger Kooperation mit dem Filmmuseum Berlin für die Berlinale 2004 erarbeitet. Unser Dank für die gute Zusammenarbeit gilt vor allem Connie Betz, Gabriele Jatho und Hans Helmut Prinzler.
 
Die von Alexander Horwath herausgegebene Publikation zum Kino dieser Ära, mit Essays von J. Hoberman, Kent Jones, Bérénice Reynaud, Jonathan Rosenbaum u.v.a. ist soeben in einer erweiterten englischen Ausgabe erschienen: "The Last Great American Picture Show. New Hollywood Cinema in the 1970s", ed. by Thomas Elsaesser, Alexander Horwath, Noel King. Auch die ursprüngliche deutschsprachige Ausgabe ist wieder verfügbar.
 
Der Katalog zur Berlinale-Schau "New Hollywood 1967-1976. Trouble in Wonderland", herausgegeben vom Filmmuseum Berlin, enthält unter anderem Texte von Elisabeth Bronfen, Diedrich Diederichsen, Olaf Möller und Bert Rebhandl.
Zusätzliche Materialien