Ironie della vita [Fragment]

Italien, 1917, Regie: Mario Roncoroni

Digitale Restaurierung (3K) auf Grundlage einer viragierten 35mm-Nitrokopie
 

 

Wieso Zeit und Geld investieren, um ein Fragment von sieben Minuten publik zu machen? Oder: Lob der Synekdoche


Wann kann man sagen, dass ein Film, der als verschollen galt, wiedergefunden wurde? Nur sehr selten findet man einen Film in der Originalfassung, Originallänge und derselben Brillanz, die er am Tag seiner öffentlichen Erstaufführung hatte. Meist hat man eine verkürzte Fassung vor sich, verkürzt um jene Teile, die von der Zensur, der Arbeit der Projektionisten oder der Zeit zerstört wurden. Oft ist es eine synchronisierte Version oder eine mit nicht-originalen Zwischentiteln – oder es liegen einfach nur Teile vor, ein Akt, einzelne Szenen. Manchmal bleibt lediglich ein Fragment von wenigen Minuten, fast nichts im Vergleich zum Original. In anderen Fällen überlebt ein Trailer, der sehr interessant sein kann – aber nur wenig mit dem eigentlichen Film zu tun hat. Und manchmal bleiben nur einzelne Kader. Man hat es mit einem Teil zu tun, der für das Ganze steht: Filmarchivare beschäftigen sich mit Synekdochen.

Wann kann man also sagen, dass ein verschollener Film wiederentdeckt wurde? Die Antwort ist nicht einfach, und nicht alles kann auf Zahlen reduziert werden (nach dem Motto: das Vorliegen von mehr als 50% eines Films bedeutet, das Werk ist wiedergefunden; weniger als die Hälfte bedeutet, ein Teil des Werks ist wiedergefunden; weniger als 20% bedeutet, dass ein Fragment vorliegt). Mit einem Hauch von Fatalismus könnte man auch sagen, dass ein Film nie gefunden werden kann, ganz einfach, weil er nicht in einer Originalfassung existierte, sondern jede Kopie “der Film” war. Dennoch versuchen wir, eine mögliche Antwort zu geben: Finden bedeutet, sich zufrieden zu geben und zu hoffen. Man muss sich zufrieden geben mit einem Trailer, einer Sequenz, einem Fragment von wenigen Metern, in der Hoffnung, dass in Zukunft weitere Teile, weitere Fassungen oder weitere Szenen gefunden und bekannt gegeben werden.

Die Illusion der Vollständigkeit stellt eine ideologische Bürde und ein Hindernis dar. Der Realität (und einem modernen Geschichtsbild) angemessener ist es, die Falten des Fehlenden zu beachten: die Lacunae, die die verschiedenen Fragmente zu einem Film verbinden. Die Suche in diesen Falten ist faszinierend. Was im Dunkel bleibt, verborgen in der Lücke, ist nicht unheimlich. Es ist kein furchtbares, leeres Loch, kein Abgrund, den Zeit oder Menschen gegraben haben. Es ist nicht der Fluch eines verrückten Bösewichts, sondern ermöglicht eine neue Sicht. Manchen Menschen gefällt es, sich an den Rand des Abgrundes zu begeben und in die Tiefe der Jahre zu schauen, auf der Suche nach einer rhetorischen Figur, die Synekdoche heißt.

 

Paolo Caneppele, Leiter der Sammlungen im Österreichischen Filmmuseum

 

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