Dino Risi und die Commedia allitaliana

8. Jänner bis 8. Februar 2010
Von den späten 50er Jahren bis tief hinein in die 70er war die Commedia allitaliana weltweit ein Synonym für die virtuoseste
und beißendste Form sozialkritischer Unterhaltung - ein besseres populäres Kino war nicht denkbar. Es errang nicht nur große
Erfolge beim Publikum, sondern auch zahlreiche Regie-, Drehbuch- und Darstellerpreise bei den großen Filmfestivals. Als
Stammvater dieses zutiefst realistischen, bitteren Komödienstils gilt Mario Monicelli, ihr wohl bekanntester Vertreter wurde
der Neorealist Pietro Germi mit Welterfolgen wie Scheidung auf italienisch. Ihr wahrer Meister aber war Dino Risi, ein modernes, sardonisches Genie des abgründigen Lachens. Risis Lehrjahre als Psychiater
und Dokumentarfilmer prägen auch sein späteres Werk: Wie kein zweiter verstand er es, der Gegenwart einen klärenden Zerrspiegel
vorzuhalten und den Italienern ihre Eitelkeiten vorzuführen.
Die umfassende Schau, die das Filmmuseum zur Commedia all italiana offeriert, ist auch eine Fortsetzung und Vertiefung
des letztjährigen Großprojekts zum italienischen Kino der 60er Jahre. Dessen Reichtum verdankte sich der produktiven Koexistenz
von Kunstfilmern, Genre-Meistern und herausragenden Komödienschöpfern. Letztere, allen voran das Autorengespann
Age & Scarpelli, hatten ihr Handwerk u.a. bei satirischen Zeitschriften und in der Arbeit mit Komikern wie Totò erlernt, sie
transformierten aber auch die Lektionen des Neorealismus. Mario Monicelli etwa legte grandiose Fresken vor (z. B. I compagni, über das politische Erwachen ausgebeuteter Textilarbeiter), in denen Satire und emotionale Kraft ganz ohne Anstrengung zusammen
gehen: In den 50er Jahren war es verboten, über soziale Probleme zu scherzen. Uns bereitete das jedoch Vergnügen. Wir
genossen es, ein Kino zu machen, das unmittelbar mit den Leuten zu tun hatte, die wir kannten und denen wir begegneten, in
Fabriken, auf Bahnhöfen oder im Bus.
Als Ur-Werk der Commedia allitaliana gilt Monicellis klassische Gaunerkomödie I soliti ignoti von 1958, dem Auftakt des italienischen Wirtschaftswunders, das bald sogar zu Filmtitel-Ehren kam: Il boom war Vittorio De Sicas süßsaure Moritat über die Aufsteiger und Neureichen dieser Ära. Dino Risi: Der Boom hat die Perspektive
verändert. Der Neorealismus war zu einem Manierismus geworden. Es genügte nun nicht mehr, die Realität zu filmen, man musste
sie erklären. Erklären hieß: Illusionen vertreiben, Mythen entzaubern, Ideologien aufspießen. Z.B. den Kult um die Familie
und die Kirche; die Verfilzung von Politik, Wirtschaft und Verbrechen (Alberto Lattuadas Mafioso); den Selbstbetrug rund um den Krieg (in Mario Monicellis bahnbrechendem La grande guerra oder Luigi Comencinis Tutti a casa); das patriarchale System in Sizilien (Germis Divorzio allitaliana und Sedotta e abbandonata); die Verharmlosungen der faschistischen Vergangenheit (kräftig revidiert in Dino Risis La marcia su Roma oder Luciano Salces Il federale) - und vor allem das weit verbreitete Sich-Arrangieren und Mitläufertum der italienischen Bourgeoisie, wie in Risis erbarmungs-
und illusionslosem Una vita difficile.
Die kanonische Phase des Genres endete zeitgleich mit dem Boom. Ab 1964 begann es zu mutieren und brachte diverse faszinierende
Ausläufer hervor: eine herbe Melancholie (wie in Ettore Scolas Meisterwerk Ceravamo tanto amati), einen düster existentialistischen Grundton (Luigi Comencinis Lo scopone scientifico), der schließlich dem puren sozialen Horror nahekam (Monicellis Un borghese piccolo piccolo), oder ein Abbiegen in die Gegenrichtung, in träumerisch-nostalgische Gefilde (Franco Brusatis Pane e cioccolata). Auch im US-Kino der 1960er und 70er Jahre, z. B. bei Robert Altman, finden sich späte Echos der klassischen Commedia. In
unterschiedlicher Weise basieren sie alle auf jenem Bestiarium einer Epoche, das Dino Risi 1963 mit I mostri (Die Monster) gestaltet hatte - gefolgt von Antonio Pietrangelis vergleichbarem, aber ins Tragische kippenden Sozio-Kaleidoskop Io la conoscevo bene. Diese Filme legen den Kern der Commedia allitaliana frei - ein kleines Welttheater der Niedertracht, eine Galerie
nuancenreicher Archetypen: der egoistische Nichtsnutz, der feige Kleinbürger, der faule Opportunist, der scheinheilige Katholik,
der Schürzenjäger, der sich weigert, erwachsen zu werden (Gerhard Midding).
Der besondere Geist der Commedia allitaliana ist nur zum Teil durch ihre Regie-auteurs erklärbar. Nicht minder wichtig waren die Drehbuchautoren - und vor allem die großen Darsteller: Vittorio Gassman, Alberto
Sordi, Nino Manfredi, Ugo Tognazzi, Marcello Mastroianni. Sie wandeln gerne auf einem doppelten Boden der Täuschung und Intrige,
zugleich bringt ihr Spiel das Typische bestimmter sozialer Masken und regionaler Besonderheiten zum Ausdruck. Sordi war jener,
der die Commedia am Vollständigsten verkörperte - er inspirierte fast alle Regisseure des Genres. Der ewige furbo Gassman war das unverzichtbare Zentrum in Risis Meisterwerken, von Il sorpasso bis Profumo di donna. Tognazzis anarchisch-asoziale Energie prägte Luciano Salces Schaffen und verbindet auch das Kino von Marco Ferreri mit der
Commedia allitaliana. Mastroianni wiederum verlieh jedem Film, in dem er auftrat, eine gewisse Verlorenheit - eine pastellene
Schwermut, die ebenso zur Commedia gehört wie die gedämpften Hoffnungstöne Monicellis oder der opake Zorn, der durch das Kino
von Dino Risi rast.
Das Programm wird begleitet durch Vorträge von Adriano Aprà, Gerhard Midding und Giovanni Spagnoletti sowie durch Einführungen von Olaf Möller.
Die Schau findet in Kooperation mit Centro Sperimentale di Cinematografia-Cineteca Nazionale und Cinecittà Luce sowie mit
Unterstützung des Italienischen Kulturinstituts in Wien statt.
Programm:
- A cavallo della tigre (Der Ritt auf dem Tiger) (1961)
- Arrangiatevi! (Pech gehabt!) (1959)
- Buio in sala (Licht aus im Saal!) (1948)
- Ceravamo tanto amati (Wir haben uns so geliebt) (1974)
- Divorzio allitaliana (Scheidung auf italienisch) (1962)
- I compagni (Die Weber von Turin) (1963)
- I complessi (Die Komplexe) (1965)
- I mostri (Die Monster) (1963)
- I soliti ignoti (Diebe haben's schwer) (1958)
- Il boom (Der Boom) (1963)
- Il federale (Der Faschist) (1961)
- Il magnifico cornuto (Der große Hahnrei) (1964)
- Il siero della verità (Das Wahrheitsserum) (1949)
- Il sorpasso (Die Überholspur) (1962)
- Il vedovo (Der Witwer) (1959)
- In nome del popolo italiano (Im Namen des italienischen Volkes) (1971)
- Io la conoscevo bene (Ich habe sie gut gekannt) (1965)
- Larmata Brancaleone (Die unglaublichen Abenteuer des hochwohllöblichen Ritters Brancaleone) (1966)
- La grande guerra (Der große Krieg) (1959)
- La marcia su Roma (Marsch auf Rom) (1962)
- La visita (Der Besuch) (1963)
- Lo scopone scientifico (Teuflisches Spiel) (1972)
- Mafioso (1962)
- Mordi e fuggi (Dirty Weekend) (1973)
- Pane e cioccolata (Brot und Schokolade) (1974)
- Paradiso per 3 ore (3 Stunden Paradies) (1953)
- Poveri ma belli (Arm, aber schön) (1957)
- Profumo di donna (Der Duft der Frauen) (1974)
- Sedotta e abbandonata (Verführung auf sizilianisch) (1964)
- Signore e signori (Meine Damen und Herren) (1966)
- Tutti a casa (Der Weg zurück) (1960)
- Un borghese piccolo piccolo (Ein wirklich kleiner Kleinbürger) (1977)
- Una storia moderna: Lape regina (Die Bienenkönigin) (1963)
- Una vita difficile (Ein schweres Leben) (1961)
- Vortrag Adriano Aprà
- Vortrag Gerhard Midding
- Vortrag Giovanni Spagnoletti

