Revolutionär Griffith
D.W. Griffith und das Kino seiner Zeit

The Musketeers of Pig Alley, 1912, D.W. Griffith

5. bis 28. November 2010
 
Das Etikett „The man you love to hate“, das Erich von Stroheim zeitlebens anhaftete, könnte man für David Wark Griffith (1875–1948) wohl umdrehen: Er ist „the man you hate to love“. Die 465 Filme, die er zwischen 1908 und 1914 für die New Yorker Firma Biograph drehte, trugen ihm den Ruf ein, die Filmkunst im Alleingang neu erfunden zu haben. Aber es bedurfte nur eines einzigen ­epischen Werks, um ihn zum Inbegriff des Kino-Reaktionärs zu stempeln: The Birth of a Nation (1915). Hundert Jahre später sind beide Vorurteile noch immer höchst lebendig.

 
Die Retrospektive, die das Filmmuseum zu D. W. Griffith und den filmischen Umbrüchen seiner Epoche anbietet, wirft einen zeitgenössischen und offenen Blick auf die Griffith-Legende(n). Als Gastkurator wurde der US-italienische Filmhistoriker Paolo Cherchi Usai eingeladen: Seine vielfältige Auseinandersetzung mit dem Werk des Regisseurs hat wesentlich zu einem entstaubten Griffith-Bild beigetragen – und wird im Filmmuseum auch in Form eines Seminars und zahlreichen Einführungen spürbar werden.
 
„Griffiths Empörung angesichts der Rassismus-Vorwürfe, die Birth of a Nation erhielt, war aufrichtig. Er vertrat eine Politik sozialer Gerechtigkeit und hatte keinen Zweifel, dass Filme einen konkreten Beitrag dazu leisten könnten – davon zeugen etwa A Corner in Wheat (1909), seine vehemente und weithin bewunderte Anklage der Finanzspekulation, oder Isn’t Life Wonderful (1924), sein realistisches, on location in Deutschland gedrehtes Meisterwerk über die Armut nach dem Ersten Weltkrieg. Er sah im Film eine Form der Dichtkunst und verwirklichte dieses Ideal in einigen der außergewöhnlichsten Werke, die je für die Leinwand konzipiert wurden. Er empfand sich als Revolutionär, und in vieler Hinsicht war er das auch – in seinem unbeirrbaren Glauben, dass die Kinematografie tatsächlich die Welt verändern würde.
 
Was Sergej Eisenstein 1941 als ultimativen Ausdruck der Kräfte des Kinos bejubelte, ist heute der umstrittenste Film der Geschichte: The Birth of a Nation gilt als Eckpfeiler der Filmästhetik und als abscheuliches (weil unverhohlen manipulatives) sowie peinliches (weil geniales) Stück Propaganda für die Rassentrennung. In den USA ist der Umgang mit dem Film dementsprechend angstbesetzt – und simplistisch. Jene, die mit dem 'Problemfall‘ vertraut sind, bringen gerne den progressiven Widerpart ins Spiel, Griffiths avantgardistischen Folgefilm Intolerance (1916). Doch auch hier ist die Rezeption stark von Klischees geprägt: Intolerance, der Film, der aufgrund seines astronomischen Budgets scheiterte (falsch) und Griffiths Karriere ruinierte (falsch); eine filmische Utopie, die man bewundern, aber nicht ins Herz schließen kann (falsch; es sei denn, man verachtet Utopien).
 
Ebenso häufig wird Griffiths Laufbahn in zwei simple Kategorien gefasst: die Biograph-Periode und die 31 Langfilme danach, von ­Judith of Bethulia (1914) bis zum desaströsen Kassenflop The Struggle (1931), seinem vielleicht unterschätztesten Werk. Die Rede von den zwei 'Epochen‘ spiegelt gegensätzliche Ansichten über Griffiths künstlerische Entwicklung wider: Für die einen sind die Biograph-Jahre eine eher uneinheitliche 'Lehrzeit‘, die erst in der Tour de force von Birth of a Nation richtig 'aufgeht‘; die anderen sehen in den kurzen Biograph-Werken Griffiths künstlerische Höchstleistung, die mit den 'schönen, aber konventionelleren‘ Werken nach 1913 nur noch festgeschrieben wird. Bildhaft gesprochen, lassen sich die beiden Theorien so zusammenfassen: Alle Biograph-Filme sehen gleich aus, aber wir müssen ein paar davon durchstehen, bevor wir uns dem sexier stuff widmen können. Andersrum: Griffith gab bei Biograph sein Allerbestes und hätte nach Broken Blossoms (1919), Way Down East (1920) und Orphans of the Storm (1921) ­lieber zusperren und sich aufs Altenteil zurückziehen sollen.
 
Aus beiden Perspektiven spricht gröbste Vereinfachung. Es ist Zeit, ein komplexeres Bild zuzulassen: Griffith hat das modern Kino nicht 'erfunden‘, ebenso wenig wie Mozart die klassische Sonate oder Joyce den stream of consciousness erfand. Doch er hatte – so wie Mozart und Joyce – die Gabe, das Kino seiner Zeit in eine vollständige Vision der Welt zu verwandeln. Dass diese Vison unserem gegenwärtigen Denken so fern erscheint, ist kein ausreichender Grund für die Ignoranz gegenüber jenen Verfahren, mit denen er ihr zwingende und kohärente Form verlieh. D. W. Griffith ist heute der unmodische Filmemacher schlechthin. Aus diesem 'Nachteil‘ erwächst die Gelegenheit, ihn besser kennenzulernen: als den, der er wirklich war, anstelle der Wunschbilder, die man sich gerne von ihm macht. Warum ist es angemessen, Griffith einen Revolutionär zu nennen, wenn er doch eigentlich nichts Neues erfand? Warum hat ihn Eisenstein mit solch enthusiastischen Worten bedacht? Und wenn The Birth of a Nation wirklich jener rassistische Film ist, wie er im heutigen Buche steht, welcher Griffith träumt dann den egalitären Traum von Intolerance? Wie stellte er sich Geschichte und Gesellschaft vor, und wie kam es, dass ihm die Laufbilder als treueste Boten des Historischen und des Sozialen erschienen?
 
Griffith war nicht in einem Vakuum tätig: Bedeutende Regisseur/in­nen wie Cecil B. DeMille, Thomas H. Ince oder Lois Weber haben seinen Stil in eigenständiger Weise interpretiert; andere, von Giovanni Pastrone und Maurice Tourneur bis zu den wenig bekannten, aber äußerst talentierten Filmemachern Harold Shaw, George Loane Tucker oder William C. deMille, schufen wesentliche Kinokontexte in Griffiths Ära. Einige ihrer Werke werden in dieser Schau zum Vergleich – oder als Kontrapunkte –gezeigt; ein zeitgenössischer Künstler, Jon Jost, ist ebenfalls vertreten: als außergewöhnliches Beispiel dafür, wie stark das Erbe Griffiths immer noch wirkt. Griffith verdient eine frische, vorurteilslose Betrachung - nicht um ihn freisprechen oder verdammen zu können, sondern um sein Vertrauen in die Macht des Kinos besser zu verstehen.“ (Paolo Cherchi Usai)
 
Paolo Cherchi Usai wird von 5. bis 11. November Einführungen zu Griffiths Filmen geben. Im selben Zeitraum findet – ebenfalls im Filmmuseum – sein Seminar „D. W. Griffith, Film History, and Curatorship“ statt (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien; Anmeldung im Filmmuseum). Zahlreiche Vorführungen werden von Elaine Brennan und ­Gerhard Gruber auf dem Klavier begleitet.
 
Die Retrospektive findet mit großzügiger Unterstützung des Museum of Modern Art, New York und vieler anderer Filmmuseen und Archive statt. 
Zusätzliche Materialien