Robert Beavers. Die ausgestreckte Hand

The Hedge Theater, 1986-90/2002, Robert Beavers

19. bis 28. November 2010
 
Die zwanzig Filme des Amerikaners Robert Beavers stellen eine besondere Art der Einladung dar. Sie entführen in ein Reich der Wunder, das so – in dieser geheimnisvollen, elektrisierenden, immens verdichteten Form – nur im Medium Tonfilm zu haben ist. Ihre Schauplätze und Referenzen läuten allerdings eine ­ältere Kulturgeschichte herbei: Florenz, Venedig und Griechenland, Zürich und Berlin, das steirische Stift Rein und der Salzburger Mirabellgarten, die Skulpturen und Gemälde der Renaissance, die Schriften von Leonardo, Ruskin oder Rilke. Die Orte erzählen davon, dass Beavers (geboren 1949 in Massachusetts) primär in Europa lebt – in steter Bewegung, seit 1967. Und der Gesamttitel, den er dem Zyklus seiner Werke gegeben hat, deutet an, welche Art von Sinnlichkeit die Filme bestimmt: „My Hand Outstretched to the Winged Distance and Sightless Measure“.

 
Darin steckt eine Idee von filmischer Präsenz und Plastizität, die keiner Special Effects bedarf. Der Sinnesrausch, der Beavers-Filme auszeichnet, ist unentfremdet, unmittelbarer als jeder 3D-Film und ganz aus dem ureigenen Material des Gefilmten und des Filmens hervor getrieben. Im Titel verbirgt sich durchaus Praktisches: Die ausgestreckte Hand. Der geflügelte Abstand (oder auch: Ferne, Wegstrecke, Zwischenraum, Zeitraum). Sowie das blinde Maß – ein Begriff, der unter anderem besagt, dass Beavers bei der Montage kaum je das Bildfenster des Schneidetischs im Auge hat, sondern den Filmstreifen selbst, und dass er dabei stark auf die Erinnerung an den Moment des Filmens vertraut. Daraus entsteht, so Harry Tomicek, „ein filmisches Atmen. Ein Austrag von Sprechen und Schweigen, zwischen Verborgenheit und dem Hervortreten ins Offene. Robert Beavers ist der vermutlich einzige Filme-macher der Welt, der sein Werk vom Geheimnis dieses Geschehens künden lässt“.
 
Bis zum Jahr 2000 arbeitete Beavers in relativer Isolation und führte seine Filme nur selten auf, darunter auch einige Male im Österreichischen Filmmuseum. Seither ist sein Werk – vor allem was die Rezeption betrifft – deutlich präsenter geworden, wenngleich die Gelegenheiten, es zu sehen, unverändert rar und vor allem in der Kunstwelt zu finden sind (zuletzt etwa im New Yorker Whitney ­Museum, 2005, und in der Tate Modern in London, 2007). Das Ereignis, das solche Gesamtschauen darstellen, wird von allen, die daran teilgenommen haben, nicht als „Event“ im Sinn der aktuellen Spektakelkultur beschrieben, sondern – siehe oben – als eine intensive Begegnung mit der Schönheit und Intelligenz von Handarbeit. Jener physischen Arbeit, deren Resultate oder Ablauf Robert Beavers an verschiedenen Orten filmt, sowie seiner eigenen Handarbeit, die erst in der Projektion zur Wirkung kommt. „Das Ziel muss sein, dem projizierten Filmbild dieselbe Kraft zu geben, die jedes andere große Bildwerk besitzt: die Kraft zur Erweckung des Sehens.“
 
Robert Beavers ist während der gesamten Schau im Filmmuseum zu Gast. Seine Filme ­werden zweimal gezeigt: zunächst in sechs gemischten Programmen (quer durch die Jahrzehnte seines Schaffens), danach in Form eines dreitägigen Parcours, mit den Werken in der Reihenfolge ihres Entstehens (Freitag, 26.11. bis Sonntag, 28.11.). Das Filmmuseum publiziert zu diesem Anlass eine deutsch- und englischsprachige Broschüre über Robert Beavers.
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