Hall of Mirrors. Hollywood über Hollywood, 1950-62

Sunset Boulevard, 1950, Billy Wilder

19. Jänner bis 9. Februar 2012

 

In den fünfziger Jahren entdeckte die ameri­kanische Filmindustrie ein großes neues Thema: sich selbst. Nicht, dass es zuvor ­keine vereinzelten Filme über gefallene Stars oder den Glamour der kalifornischen „Filmkolonie“ gegeben hätte, aber der enorme Anstieg solcher Sujets ab 1950 markiert eine augenfällige Differenz – und spiegelt den Riss in der „Goldenen Ära“ des Illusionskinos.
 
Beim Unterfangen, seine eigene Geschichte und konfliktreiche Gegenwart zu beleuchten, blieb Hollywood jedoch den ­erfolgversprechenden Genres treu: ob Film noir (Sunset Boulevard, In a Lonely Place) oder farbenprächtiges Musical (Singin’ in the Rain, A Star is Born), glühendes Melodram (The Bad and the Beautiful, The Barefoot Contessa) oder „Problemfilm“ (The Big Knife), Körperkomödie (Hollywood or Bust) oder psychologischer Horrorfilm (What Ever Happened to Baby Jane?) – stets fand die Selbstreflexion in einem relativ vertrauten Erzählraum statt. Stilistisch ­jedoch neigen viele dieser Filme zum Exzess, zum manieristischen Höhenflug, zu jenem irritierenden Schillern und Schlingern, das beim Gang durch ein Spiegelkabinett entsteht.
 
Die Gründe für diese eigenartige Verdichtung des Themas ­dürften vielfältig sein – von der neuen Medienkonkurrenz (das US-Fernsehen erlebte zwischen 1947 und 1952 seine stärkste ­Ex­pansion), über die durch Anti-Trust-Prozesse erzwungene Machtbeschränkung für die Major Studios (1948/49) und die Hollywood-Hexenjagd des Senators McCarthy bis hin zur weitreichenden Wandlung des Realismusbegriffs nach dem Zweiten Weltkrieg: Desillusionierung, Mythenzerschlagung, Anti-Helden allerorten. Der mit solchen Prozessen stets einhergehende Gewinn an Glaubwürdigkeit erlaubte es der Kulturindustrie, die Spirale weiterzu­drehen: Wer etabliert und „erwachsen“ genug ist, um den Blick hinter die Kulissen freizugeben und den Mythos als Mythos ­darbieten zu können, hat auch einen zweiten Atem und neuen Spielraum gewonnen. Die Kulissen und Mythen können einst­weilen modernisiert und anderswo aufgestellt werden.
 
Wenn der amerikanische Film der 50er Jahre seine eigene Gemachtheit und Geschichtlichkeit feiert, geschieht das aber auch im Dienst einer Art Emanzipation – mit vollkommen anderen Mitteln, aber ähnlichen Zielen wie sie (schon etwas früher) der italienische Neorealismus oder (wenig später) die Nouvelle Vague in Frankreich verfolgten. Im Spiegelkabinett tritt jene popkulturelle Epoche auf, die dem Kino für zwei, drei Jahrzehnte eine echte Hauptrolle gibt: weil es nun ein Selbstbewusstsein hat.
 
Eine Kooperation mit dem Jüdischen Museum Wien. Dessen Direktorin, Danielle Spera, und Alexander Horwath werden die Schau am 19.1. eröffnen.
 
Im Jüdischen Museum ist bis zum 15.4.2012 die Ausstellung „Bigger Than Life – 100 Jahre Hollywood. Eine jüdische Erfahrung“ zu sehen. Beide Häuser gewähren während der Laufzeit der Schau gegenseitig reduzierte Eintrittspreise. Weitere Informationen: www.jmw.at.