Robert Bresson
Das Gesamtwerk

8. März bis 4. April 2013
Bressons Filme stärken den Mut, auf die Verwirklichung des Menschen zu wetten.
(Peter Buchka)
Robert Bresson (19011999) zählt heute zu den Großmeistern der Filmgeschichte, sein Schaffen wird retrospektiv dem Weltkulturerbe
des 20. Jahrhunderts zugeschlagen. Erinnert sich noch jemand an die radikale Ablehnung, die ihm so oft aus der französischen
Kinobranche entgegenschlug? An das utopische Leuchten, das jeden Film umgibt, den er dem System abrang? Der Widerstand, das
Engagement, die Handgreiflichkeit und Lässigkeit Robert Bressons, diese Aspekte müssen immer neu betont werden
bei einem Werk, dem der generalisierende Ruf des streng Asketischen und Spirituellen vorauseilt und das damit nur
ansatzweise erfasst ist. Denn Bresson hat dasselbe Problem wie Hitchcock, Dreyer, Tarkovskij, Ozu, Straub-Huillet
oder Cassavetes: Sein Name allein evoziert mittlerweile eine ganze Ideenwelt und Ästhetik; selbst Menschen, die noch nie einen
seiner Filme gesehen haben, sich aber für Kultur interessieren, wissen, was mit Bresson gemeint ist.
Gemeint ist: ein Kino der erzählerischen Verknappung, der Reduktion filmischer Mittel und der konsequenten Arbeit mit Nicht-Schauspielern,
die Bresson Modelle nannte. Ihre letztgültige Zuspitzung fanden diese in einem geduldigen Esel, der unter
dem Filmnamen Balthazar so manchem Darsteller von Weltruhm als unerreichbares Vorbild vollkommenen Schauspiels gilt.
Meisterwerke mit religiösen Fabeln oder Motiven, allen voran Journal d'un curé de campagne (Tagebuch eines Landpfarrers) und Procès de Jeanne dArc, aber auch der Erstling Les Anges du péché (Engel der Sünde, 1943) und das späte Hauptstück Le Diable probablement (Der Teufel möglicherweise, 1977) festigten dieses Bild fast bis zur Versteinerung. Es gilt also, Bresson gegen den Strich zu lesen, exakt so,
wie er seine Filme gemacht hat: Er war einer der aufmerksamsten, geistig flinksten, in der Wahl seiner Maßgaben erfindungsfreudigsten,
vor allem aber sinnlichsten Filmschaffenden aller Zeiten. Im Hinterkopf mag man vielleicht das Bild eines wachsamen Lounge Lizard behalten, der einige seiner Stars in jenen Nachtclubs entdeckte, wo sich die Pariser Intelligenzia vergnügte; aber auch das
eines versierten Handwerkers, der etwa den James-Bond-Zimmermann John Glen als äußerst talentierten Kollegen schätzte.
All dies soll nicht heißen, dass die religiöse Dimension im Schaffen Bressons ein Hirngespinst überspannter Esoteriker sei.
Realiter lässt sich Bresson sehr gut im Rahmen einer katholischen Moderne in Frankreich diskutieren, für die in anderen Künsten
Namen wie Paul Claudel, Georges Bernanos (den Bresson kongenial adaptierte) oder Olivier Messiæn stehen. Gerade letzterer
erscheint oft wie ein Seelenzwilling Bressons man höre nur einmal Messiæns Quatuor pour la fin du temps im Anschluss an Un condamné à mort sest échappé (Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen) und folge den widerständigen Harmonien in beiden Werken ...
Widerstand ist ein zentraler Begriff für Bressons Kino. Geboren in Bromont-Lamothe, begann er seine Filmarbeit in einem der
politisch heikelsten, härtest umkämpften Augenblicke der französischen Geschichte. Schon sein Kurzfilm Affaires publiques (1934), eine bizarre, surreal grundierte Farce, legt nahe, dass hier ein Geist tobt, der sich nicht mit den landläufigen
Machenschaften der organisierten Politik gemein machen will. Engel der Sünde, entstanden während der deutschen Okkupation Frankreichs, erweist sich als eine perfekt gezirkelte und subversive Parabel
über Freiheit und Macht ein Thema, das Bresson sogleich variieren wird in einem anderen, frostigeren und zugleich gestochen
melodramatischen Tonfall: in Les Dames du Bois de Boulogne (1945), einem der Lieblingsfilme von Dominik Graf.
Bresson war vor allem ein Skeptiker, dessen Filme ihren Zeiten oft einen (Zerr-)Spiegel vorhielten. So ist Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen oder Der Wind weht, wo er will (1956) eine Ohrfeige für die Ära De Gaulle und deren Repräsentanten. Der damals herrschende Zeitgeist Frankreich,
einiges Land der Résistance wird beißend desavouiert, zugleich wird Bescheidenheit angemahnt, wo allein Hybris herrscht.
Quatre nuits dun rêveur (Vier Nächte eines Träumers, 1971) und Der Teufel möglicherweise erweisen sich später als solidarisch-zweifelnde oder gar verzweifelte Kommentare zu 68 und den Folgen, während Lancelot du Lac (1974) mit seinen klappernden Rüstungen und so lähmend schleichenden wie drastisch blutigen Kämpfen immer noch eine der pointiertesten
Allegorien über den Vietnamkrieg darstellt. Bresson war unbequem, ein Neinsager vor dem Herrn. Sein finales Meisterwerk, LArgent (Das Geld), geriet ihm denn auch zu einer veritablen Vivisektion gesamtgesellschaftlicher Gewaltverhältnisse, hier, im Kapitalismus.
Danach war gesagt, was zu sagen war. Bresson zog sich zurück aus der Welt, empfing angeblich nur noch selten Besuch und verschied
in Paris am 18.12.1999. Während der Wind weiter weht, wie er will.
Das Filmmuseum freut sich, zahlreiche Gäste zur Wiener Retrospektive begrüßen zu dürfen: Michael Haneke wird am Eröffnungsabend über seine Beziehung zu Bressons Kino sprechen. Isabelle Weingarten, Hauptdarstellerin in Vier Nächte eines Träumers und Fotografin am Set von Der Teufel möglicherweise,
wird ebenso anwesend sein wie Marika Green (Pickpocket), Florence Delay (Procès de Jeanne dArc) und Dominique Sanda (Une femme douce). Die Schau findet mit Unterstützung des Institut français statt.
Programm:
- Au hasard Balthazar (Zum Beispiel Balthasar) (1966)
- Bresson ni vu ni connu (Bresson, unerkannt) (1965/94)
- De weg naar Bresson / The Road to Bresson (1984)
- Interprètes de Bresson (Bressons Interpretinnen) (1989)
- Inthronisation und Sturz. Zu den Motiven in den Filmen von Robert Bresson (1977)
- Journal d'un curé de campagne (Tagebuch eines Landpfarrers) (1951)
- LArgent (Das Geld) (1983)
- Lancelot du Lac (Lancelot, Ritter der Königin) (1974)
- Le Diable probablement (Der Teufel möglicherweise) (1977)
- Les Anges du péché (Engel der Sünde) (1943)
- Les Dames du Bois de Boulogne (Die Damen vom Bois de Boulogne) (1945)
- Les Modèles de Pickpocket (Die Modelle von Pickpocket) (2003)
- Mouchette (1967)
- Pickpocket (1959)
- Procès de Jeanne d'Arc (Prozess der Jeanne d'Arc) (1962)
- Quatre nuits dun rêveur (Vier Nächte eines Träumers) (1971)
- Robert Bressons Film Das Geld (LArgent) (1983)
- Un condamné à mort s'est échappé (Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen) (1956)
- Une femme douce (Die Sanfte) (1969)
- Zum Beispiel Bresson (1967)



