1964 | 2014

Projekte zum 50-Jahr-Jubiläum des Österreichischen Filmmuseums

Dominik Graf
Werkschau und Carte blanche

Eine Stadt wird erpresst, 2006, Dominik Graf
21. März bis 4. April 2013
 
In einem frühen Traktat unterschied der britische Kino­denker Raymond Durgnat zwischen zwei Filmemacher­typen: den Aristotelikern und den Platonikern. Erstere versuchen, ein immer neues Gleichgewicht zwischen ihren Widersprüchen zu finden; letztere wollen durch das Ausmerzen aller Ambivalenzen ein Absolutes kreieren. Dominik Graf kann viel mit dieser Zuspitzung an­fangen und widerspricht nicht, wenn man ihn ein Prachtexemplar unter den Aristotelikern nennt. Nicht „Schundfilm“ oder Ozu ist seine Devise, sondern beides. Aber nie zugleich – nur so nah beieinander, dass grelle Funken sprühen. Kino, das ist für Graf ein Erfahren der Welt von Augenblick zu Augenblick, also das Anstreben eines Ozu-haften mono no aware mit der Leck-mich-am-Arsch-Haltung eines alten Industrieroutiniers.
 
Graf sieht sich als Profi – in bewusster Absetzung vom Typus des Post-Oberhausener Autorenfilmers, der das westdeutsche Kino der 70er prägte. Was ihm als Ideal vorschwebte, war der Regiehandwerker, der in einem industriellen Zusammenhang arbeitet. Diese Möglichkeiten eines klassischen Studiosystems glaubte er im öffent­lich-rechtlichen Fernsehen und an der starken Brust der Bavaria neu (er-)finden zu können. In diesem anonymen Kontext wollte er Genre-, Konfektionsware schneidern, die Muster jedoch mit Verve und ungewöhnlichen Maßnahmen konterkarieren, unterminieren – und dabei unsichtbar bleiben wie ein Schmuggler in der Nacht. Ein cine­philer Traum, was sonst. Denn wer wirklich was kann, wird ­bemerkt, u. a. wegen all dem, was ihn vom Rest unterscheidet.
 
Kein anderer im deutschen Kino und TV der letzten drei Jahrzehnte erzählt derartig dynamisch, packend, verwegen wie Graf – oft sprunghaft und ganz aus den Charakteren heraus, ihren Sehnsüchten und Ängsten, ihrem Begehren, ihren Abgründen. Wie Karoline Eichhorn in Der Felsen (2002) trunken durch eine korsische Nacht in die Arme zweier Fremdenlegionäre stolpert oder Mišel Matičević in Komm mir nicht nach (2011) versonnen von den Porno­heft-Protagonistinnen seiner Jugend schwärmt, die er manchmal im Internet wiederfindet, älter nun und anders schön: das sind ­Augenblicke, in denen kurz und prägnant alles über die Liebe gesagt wird, und über das, was sie mit uns macht.
 
Graf, Jahrgang 1952, schloss die HFF München 1979 ab, danach „schaffte er“ in der Produktion, wie man am Bau sagen würde: Er drehte Serienepisoden, revolutionierte ab 1983 mit Der Fahnder das Vorabend-Fernsehen und schuf mit Schwarzes Wochenende (1984/ 86) und Frau Bu lacht (1995) zwei Tatort-Meilensteine. Dazwischen demonstrierte er im Kino seine Wandlungsfähigkeit und Virtuosität: Der Kitchen Sink- und Biker-Film Treffer (1984) entwickelte sich zum Schlüsselwerk einer Generation; Die Katze (1988) ist schlichtweg der beste Krimi, den je ein bundesdeutscher Regisseur zustande gebracht hat. Der Versuch, an diesen raren Kritiker- und Kassen­erfolg mit dem Action-Paranoia-Fresko Die Sieger (1994) anzuschließen, scheiterte – ein Meisterwerk manqué, das Grafs Karriere fast beendete. Hatte er bis dahin das Fernsehen als wertvolle Möglichkeit betrachtet, wurde es nun zur Wahlheimat, die er nur mehr selten verlässt. Kino machte er dennoch immer, vom Kopf her.
 
Ende der 90er begriff Graf, dass er die prinzipiellen Möglichkeiten des Konzepts „Genre“ ausgeschöpft hatte – und erfand sich neu, mit seinem ersten Essayfilm: Das Wispern im Berg der Dinge (1997) wurde zum (Selbst-)Porträt im Spiegel seines früh verstorbenen Vaters. Seine Erzählweise wurde fragmentierter, flüssiger, und „Genre“ geriet nun zum Baukasten, der Hybride aller Art ermöglicht: Die Freunde der Freunde (2002) – Coming of age-Drama und metaphysisches Schauermärchen; Das unsichtbare Mädchen (2012) – Heimatfilm und Rachekrimi; Das Gelübde (2007) – Künstlerbiografie und politischer Historienthriller. Wie Dominik Graf, der berühmteste Unbekannte der deutschsprachigen Medienlandschaft, sind sie vieles auf einmal, einzigartig, sich widersprechend, sicher zwischen allen Stühlen über den Dingen schwebend.
 
Der Graf-Schwerpunkt des Filmmuseums besteht aus mehreren Teilen. Die Werkschau in Anwesenheit des Regisseurs wird ergänzt durch das Buch Dominik Graf von Christoph ­Huber und Olaf Möller (Band 18 der FilmmuseumSynemaPublikationen). Darüber hinaus ­leitet Graf gemeinsam mit Ralph Eue eine Lehrveranstaltung am TFM der Universität Wien – ein Blockseminar im Filmmuseum. Der „erste Akt“ des Gesamtprojekts findet bereits Mitte März auf der Diagonale statt: In Kooperation mit dem Filmmuseum widmet das Festival dem Regisseur einen speziellen Tribute zu seinen Arbeiten im Krimigenre.