Jonas Mekas

 5. bis 29. April 2013
 
Jonas Mekas, 1922 in Litauen geboren, Dichter und Emigrant. Im zweiten Leben: Pate und Zentralfigur des unabhängigen amerikanischen Films. Man kann nur spekulieren, was aus dem jungen Mann geworden wäre, hätte er 1944 auf der Flucht aus Litauen wie geplant Wien erreicht. Stattdessen wurden er und sein Bruder Adolfas in ein Arbeitslager bei Hamburg verschleppt. Nach Kriegsende lebte er jahrelang in den Displaced Persons Camps der Alliierten, u.a. in Wiesbaden und Kassel, und erhielt die Möglichkeit zu studieren: Philosophie (an der Universität Mainz), deutsche und englische Literatur – und das Kino.
 
Die Poesie, das Schreiben waren Mekas‘ erste, fast schicksalshafte Berufung. Die Mitarbeit an einer Widerstandszeitung gegen die Nazis zwang ihn, das besetzte Litauen zu verlassen; ein Anti-Stalin-Gedicht aus seiner Jugend verriegelte ihm die Rückkehr ins kommunistische Litauen. Die tiefe Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies ist die treibende Kraft, der Mythos hinter all seinen späteren Arbeiten. Die Ankunft in New York, Ende des Jahres 1949, verfestigte seine Einsicht, dass er eternally ­dis­placed bleiben würde und dass seine Ausdrucksfähigkeit als ­Dichter nun eingeschränkt war. Der Film und dessen ganz andere „Sprache“ boten ihm eine neue Heimat – und die Chance, auf ­andere Weise Poet zu sein.
 
Zunächst trat Mekas aber als Organisator hervor: als Promoter jener nation of independent filmmakers, die er seit Beginn der 1950er Jahre mit großer Emphase gegen die „Besatzer-Nationen“ des kommerziellen Kinos verteidigte – als Kritiker, Veranstalter, ­Vermittler, Verleiher, Archiv- und Zeitschriftengründer und als Kämpfer gegen jegliche Zensur. So lang wie die Liste der wichtigen ­Institutionen, die er (mit-)begründet hat, ist auch jene der Filmemacher, die er förderte: Ken Jacobs, Jack Smith, John Waters, ­Martin Scorsese, Jim Jarmusch, Harmony Korine ...
 
Es sollte zwei Jahrzehnte dauern, bis Mekas sein eigenes filmisches Schaffen ebenso selbstbewusst darbieten konnte wie das der anderen. Nach der Ankunft in Amerika war er Lost Lost Lost – wenngleich erst 1976 fertiggestellt, ist dieser Film in gewisser Hinsicht sein erster: Das Material entstand primär zwischen 1950 und 1963, zu einer Zeit, als Mekas’ filmischer Wahrheitsanspruch noch stark vom Dokumentarfilm geprägt war (mit Ausflügen ins Narra­tive und ins radikale politische Theater, wie Guns of the Trees und The Brig bezeugen). In 25 Jahren Entstehungszeit entwickelte sich Lost Lost Lost aber weg vom Realismus. Aus der geplanten Dokumentation über Displaced Persons wurde ein Film über das Suchen und Finden einer neuen Heimat und eines eigenen Stils: Mekas machte fortan nur mehr „Home Movies“ bzw. „Diaries, Notes and Sketches“. Und zwar nicht als Filmregisseur, sondern als Filmer: „Einer, der in der gewählten Sekunde ungeplant filmend, mit und in der Kamera auswählend, antwortend, reagierend, die Form spontan fügend und die Montage im Nu bestimmend, dem flüchtigen Augenblick vermählt ist. Ein glimpse von Mekas vibriert, ­atmet, tanzt, zuckt vor und zurück, verändert wie ein Zeitraffer-­Chamäleon in rasendem Wechsel seine Farbe und wie ein unbekanntes Wesen in einem Cartoon seine Konsistenz und Form.“ (Harry Tomicek)
 
„I make home movies – therefore I live“, lässt uns Mekas in ­seinem erstem Meisterwerk Walden (1969) wissen. Henry David Thoreaus Utopie findet er wieder in der städtischen Natur und der Gemeinschaft von Freunden, einem leisen Echo der litauischen ­Heimat. „This is not a documentary film“, heißt es oft in seinen ­Filmen, sowie: „This is not a political film“. Und sie sind es doch – beides nämlich, aber niemals nur. Sie sind es in ihrer radikal subjektiven Sicht auf die Realität und in der Erschaffung einer Gegen-Realität, die wiederum aus Fragmenten des gewöhnlichen Lebens besteht. „I celebrate what I see“ – wie auch das, was er hört und liest, denkt und erinnert. Der (potentielle) Verlust dieser flüchtigen Augenblicke ist das stetige Grundmotiv von Mekas’ Filmen.
 
In Reminiscences of a Journey to Lithuania (1972) verwendet er erneut Material aus den frühen US-Jahren, kontrastiert es aber mit Aufnahmen von seiner Rückkehr nach Litauen (und einem längeren Besuch in Öster­reich). Mekas‘ Kindheit oder das Vorkriegs-Litauen lassen sich nicht wieder herstellen, und bleiben kann er auch nicht. Ein doppelter Verlust. In Paradise Not Yet Lost (1979) werden seine Frau und Tochter zu ­einer Art Kompensation: Durch die Tochter versucht er, seine eigene Kindheit noch einmal nachzuempfinden, aber der Verlust holt ihn ein: Die „Fragmente des Paradieses“, die der Film zeigt, dürften für das Kind ähnlich unwieder­bringlich sein wie Litauen für ihn. Dieser Doppelbewegung ist Jonas Mekas in seinem Schaffen bis heute treu geblieben: We walked – we walk – we walked – we will never walk again like this.
 
In ihren Verdichtungen der Verlorenheit und des Glücks – z. B. wenn Mekas das Schneetreiben in New York oder die wechselnden Gezeiten im Central Park einfängt – sind diese Filme und Videos von ergreifender Schönheit. Zugleich flackern sie vor dem Hintergrund eines dunklen, unsichtbaren Horizonts. Benannt ist er im ­ Titel seines epischen Meisterwerks von 2000: „As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty“.
 
Die Retrospektive in Anwesenheit von Jonas Mekas umfasst mehr als 40 seiner Film- und Videoarbeiten. Viele davon sind erstmals in Österreich zu sehen. Bei SYNEMA Publikationen erscheint eine Broschüre mit bisher unveröffentlichten Texten von und über Mekas. Ergänzend zur Filmschau ist ab 9. April bei Krinzinger Projekte (1070 Wien, Schottenfeldgasse 45) eine Ausstellung von Mekas’ Installationen und Fotografien zu sehen. Das Gesamtprojekt wurde kuratiert von Christoph Gnädig und findet mit Unterstützung der Republik Litauen statt.
 
Der Wiener Schriftsteller Lucas Cejpek hat uns freundlicherweise einen Text (PDF) zur Verfügung gestellt (Copyright Lucas Cejpek), der anlässlich der Wiener Mekas-Tage 2013 entstanden ist.

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