Jean-Luc Godard
Die erste Welle

Pierrot le fou, 1965, Jean-Luc Godard

12. März bis 9. April 2015
 

„Kunst ist keine Reflexion der Wirklichkeit. Sie ist die Wirklichkeit dieser Reflexion.“
 
Das Autorenkürzel JLG steht für einen ganzen Kino-Ozean. Dessen „erste Welle“ – 15 Spielfilme in nur acht Jahren und dazu zahlreiche kürzere Arbeiten – bildet den Anfang einer mehrteiligen Präsentation von Jean-Luc Godards Schaffen, die das Filmmuseum bis 2017 unternimmt. Teil 1 dieses Projekts widmet sich seiner epochalen Erneuerung des Kinos ab 1960, seiner Zeit im Zentrum der internationalen Kunstproduktion. Bernardo Bertolucci: „Es gibt ein Kino vor und nach Godard – so wie vor und nach Christus.“ Oder, um von der Religionsgeschichte in die jüngere Vergangenheit zurückzukehren: Godards Wirkung auf die eigene und angrenzende Disziplinen ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur mit jener von Andy Warhol und Bob Dylan zu vergleichen.

 
Schon der erste Langfilm, À bout de souffle (1960) mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg, sprengt alle Konventionen: „Der moderne Film lässt sich ohne dieses Werk nicht denken“, schrieb Amos Vogel über Godards Debüt, das die Vorstellungen davon, wie Filme auszusehen hätten, nachhaltig veränderte. Atemlose, desorientierende jump cuts und eine enorm bewegliche Kamera verkünden die Ankunft eines Kino-Lebensgefühls, das der generellen Modernisierung in dieser Ära nun stets einen Schritt voraus sein will. Die beruhigende Ordnung von Filmerzählungen nach Hollywood-Modell zerbricht hier ebenso wie der gewohnte Vertrag zwischen Zuschauern und Protagonisten. Die Figuren werden „unrund“ (Godard sprach trotz des Gangster-Sujets von einem „Dokumentarfilm über Belmondo und Seberg“) und müssen erst entziffert werden – wie im wirklichen Leben. Mit jenem Faible für paradoxe Dialektik, die sein ganzes Schaffen prägt, bot Godard zugleich eine selbstbewusste Collage von Zitaten in Ton und Bild (von Humphrey Bogart bis Jean-Pierre Melville), die das „Gemachte“ des Films ebenso betonten wie seine schockartig wirkenden stilistischen Innovationen.

 
Während diese Neuerungen rasant aufgesogen wurden, entwickelte sich ihr Autor wie in Überlichtgeschwindigkeit. In Le Petit Soldat (1960, wegen seines Algerienkrieg-Themas in Frankreich zunächst verboten) attackierte Godard die Tonspur so radikal wie im Vorgängerfilm die Bilder. 1961/62 präsentierte er mit Une femme est une femme unter erstmaligem und virtuosem Einsatz von Farbe und Breitwand die „Idee eines Musicals“ – und mit Vivre sa vie eine Prostituierten-Passion in der Art von Brecht. 1963 folgten zwei auf den ersten Blick genauso gegensätzliche Werke: Les Carabiniers, ein dekonstruierter „Kriegsfilm“ aus dem Geiste seines Idols Roberto Rossellini, und die sublime Moravia-Adaption Le Mépris mit Superstar Brigitte Bardot. Darin verfilmt ein anderes Godard-Idol, Fritz Lang, die Odyssee – ein bezeichnendes Bild für die respektlose wie belesene Verschmelzung von Hoch- und Popkultur, die Godard in diesen Jahren zelebriert. Als 1965 seine Instant-Klassiker Alphaville und Pierrot le fou erscheinen, ist er selbst schon Vorbildfigur: der Inbegriff einer neuen Idee vom Filmemacher als Pop-Intellektuellen – und der filmmaker’s filmmaker schlechthin, wirkmächtig von Chantal Akerman bis Quentin Tarantino.

 
Godard, Jahrgang 1930, wuchs am Genfer See im französisch-schweizerischen Großbürgertum auf, zog 1948 nach Paris und traf dort andere Filmbegeisterte wie Claude Chabrol, Jacques Rivette, François Truffaut, Eric Rohmer. Binnen weniger Jahre etablierten sie als Stammgäste der Cinémathèque française und als Kritiker bei den Cahiers du cinéma die politique des auteurs – und leisteten damit Vorarbeit für ihre eigenen Regie-Ambitionen. Von dem, was unter dem Namen Nouvelle Vague bald für filmkulturelle Umbrüche sorgte, setzte sich Godard jedoch als singuläre Figur ab. Sein Kino war nicht nur modisch und modern, sondern genuin essayistisch. Er praktizierte auch als Regisseur Filmkritik, reflektierte Film als Lebensweise und lebendige Kultur, als etwas Eigenständiges „zwischen Kunst und Leben“, umgesetzt in polyphone Soundtracks und die blendenden Bilder von Raoul Coutard, in diskursive Rhythmen und synkopische Montage – und verziert von meisterhaften Aphorismen wie „Kino ist Wahrheit, 24-mal in der Sekunde“.

 
Der Unterschied zwischen den Begriffen und der Wahrnehmung von Wirklichkeit wurde zusehends Zentrum von Godards Reflexionen: 2 ou 3 choses que je sais d’elle (1967), die Summe seines produktiven Frühwerks, ist auch eine Anthologie dokumentarischer Methoden, in der die Bilder – eine Kaffeetasse wirkt wie eine rotierende Galaxie – den Worten entgegenstehen: Im Flüsterton von Godards Erzählkommentar hört man den Zweifel des leidenschaftlichen Sprachspielers an einer Sprache, die Missverständnisse produziert. Im selben Jahr endet mit Week End die erste Phase seines Schaffens angemessen apokalyptisch, bis hin zur Schlussdeklaration: fin du cinéma. Kein Abschied, sondern ein Schlussstrich unter Godards Zeit im populären Rampenlicht. Mit dem Eintritt in eine polemische Phase als deklarierter Maoist beginnt ein „neuer Godard“, gefolgt von vielen weiteren Wellen einer stetigen Selbstneuerfindung.

 
Die Schau präsentiert sämtliche Godard-Filme bis 1967, darunter auch seine raren Kurzfilme, Filmepisoden und Gemeinschaftsarbeiten. Mit Unterstützung des Institut français.