Eine Syrische Moderne
Omar Amiralay, Mohamad Malas, Ossama Mohammed

The Chickens, 1977, Omar Amiralay (Frame Enlargement ÖFM/Lydia Nsiah)

3. bis 15. Juni 2015
 

Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, dass Syrien in den 1970er und 80er Jahren weltweit als Bahnbrecher der filmischen Moderne galt, mit Omar Amiralay (1944–2011), Mohamad Malas (*1945) und Ossama Mohammed (*1954) an der Spitze dieser Entwicklung. Aber war es wirklich Syrien oder doch nur eine Handvoll Filmemacher, die dort geboren wurden? Malas warf diese Frage einmal auf, als er meinte, es gäbe eigentlich kein syrisches Kino, da das Land nie eine stabile Produktionskultur habe entwickeln können. Gründe dafür gibt es genug, zu jener Ruhe, die es für den Aufbau einer Kinematografie braucht, fand das Land nie – Staatsstreiche und Diktaturen, Fusionen mit Anrainerstaaten, dann wieder Sezessionen, mehrere Kriege sowie die sich über Dekaden erstreckende Alleinherrschaft der UdSSR-nahen Ba’ath-Partei machten die syrische Intelligenzia innerlich rastlos. Amiralay verschob als erster der drei seinen Lebensmittelpunkt gen Frankreich, wo das Fernsehen ihm eine gewisse Arbeitskontinuität garantierte.

 
Die Geschichte Syriens schrieb sich in ihrer aller Schaffen ein. In seinen frühen Werken Alltag in einem syrischen Dorf (1974) und Die Hühner (1977) setzte sich Amiralay zornig, aber immer noch satirisch mit den politischen Fehlern der Ba’ath-Führung auseinander; am Ende seines Œuvres steht mit Flut im Ba’ath-Land (2003) eine so melancholische wie bittere Summe der staatssozialistischen Ära Syriens. Malas’ Die Nacht (1992) wagt einen Entwurf der zersplitterten Landesgeschichte von den 1930er Jahren bis etwa 1970, also von der französischen Mandatsperiode bis zur Eroberung der Golan-Höhen durch Israel im Sechstagekrieg und der Zerstörung von al-Quneytrah – ein traumatisches Ereignis, das in Malas’ Filmen wie eine Wunde erscheint, die sich nicht schließen darf.
 

Amiralay und Malas kannten sich seit Anfang der 70er Jahre, als sie zu den Begründern des Filmclubs von Damaskus gehörten. Gemeinsam Regie führten sie fast nie – am Drehbuch des jeweils anderen waren sie jedoch oft beteiligt. Was auch für Ossama Mohammed gilt, der erst später zu diesem Kreis stieß. Während Amiralay an der Pariser IDHEC sein Handwerk erlernte, gingen Malas und Mohammed nach Moskau, ans VGIK. Malas nennt als wichtigen Einfluss die sowjetische Moderne der Chruschtschow-Jahre, Mohammed hingegen berief sich eher auf die melancholischen Dramolette georgischer Provenienz und auf die Commedia all’italiana. Amiralay schließlich sah sich als Brechtianer.


Im Gegensatz zu seinen eher Spielfilm-orientierten Freunden Malas und Mohammed gestaltete Amiralay ausschließlich Dokumentarfilme; zudem war er derjenige, der am weitesten über die Grenzen Syriens hinweg schaute und eine pan-arabische Agenda verfolgte. Gemeinsam signierten sie zwei Werke, die lokalen Wahlverwandten gewidmet waren: einem fast vergessenen Filmpionier (Nazih al-Shahbandar) und einem Superstar der bildenden Kunst (Fateh al-Moudarres).


Vielleicht muss man es ja so sehen: Es mag schon sein, dass es kein syrisches Kino gibt, doch im Schaffen dieser drei Meister offenbart sich ein Syrien, welches ein Kino hätte – das einmal möglich war und von dem die Welt viel lernen könnte.


Die Retrospektive wurde von Olaf Möller kuratiert. Aufgrund der Unzugänglichkeit von Filmkopien in der aktuellen Kriegssituation zeigen wir einzelne Werke ausnahmsweise als Video-Faksimiles. Mit Dank an Mohamad Malas und Ossama Mohammed.