Jean-Luc Godard 1968–1986

Sauve qui peut (la vie) (Rette sich, wer kann (das Leben), 1980, Jean-Luc Godard

4. März bis 6. April 2016

 

Als formaler Erneuerer und intellektueller Popstar der Nouvelle Vague war Jean-Luc Godard in den Jahren nach seinem bahnbrechenden Debüt À bout de souffle (1960) zur meistdiskutierten Figur der Filmwelt aufgestiegen. Gleichwohl verkündete er mit Week-End, fast parallel zum Mai 1968, das „Ende des Kinos“ und begann in der Folge, sich stetig neu zu definieren – zunächst mit provokanten Filmessays und als radikal politisierter Filmemacher im Kollektiv.

 
Dieser Schub im Godard’schen Schaffen erbrachte zahlreiche Belege einer fortgesetzten Sonderstellung: Kaum ein anderer Filmemacher war dermaßen erfindungsreich bei der Auslotung der Grenzen und Möglichkeiten seiner künstlerischen Mittel. Das Medium Video sollte dabei schon bald eine zentrale Rolle spielen, etwa beim Schlüsselwerk Numéro deux. Godards selbsterklärter „zweiter erster Film“ Sauve qui peut (la vie) brachte 1980 wieder eine Annäherung ans Erzählkino und läutete ein Spätwerk ein, das seither gern unter dem ­Begriff „transzendent“ subsumiert wird. Der Begriff trifft die ­un­gewöhnliche Schönheit von Godards hochkomplexen Bild-Ton-­Collagen und suggeriert doch auch eine angemessene Kapitulation vor ihrer unfassbaren Dichte und Wandlungsfähigkeit.

 
Nach der Präsentation von Godards Nouvelle-Vague-Arbeiten im Vorjahr beginnt nun also eine Entdeckungsreise durch die unbekannteren Schaffensperioden: Filme, die lange Zeit kaum sichtbar und dementsprechend vernachlässigt waren, mittlerweile aber stärkere kritische Aufmerksamkeit erfahren als die „Klassiker“ der 1960er Jahre. Mit Godards Werken der Jahre 1968–1986 wird die ­abwechslungsreichste Phase dieses Ausnahmeregisseurs vorgestellt – individuelle Reaktionen auf die Wallungen des „Revolutionsjahrs“ 1968 und dessen Nachwehen in der Kunst und im Kino. Parallel dazu beleuchtet auch die zweite Retrospektive des Monats diese kritische Epoche – aus Sicht der nächsten ­Filmemacher­­ge­neration Frankreichs, mit Werken von Gérard Blain, Jean Eustache und Maurice Pialat.

 
Godard zog ab 1968 die Konsequenz aus seiner Forderung, „nicht politische Filme, sondern Filme politisch zu machen“. ­Ins­besondere das reduzierte Kammerspiel Le Gai savoir markierte eine Abkehr von der verspielten Ästhetik seiner Erfolge – eine „Rückkehr an den Nullpunkt“ aus dem Geiste der grundsätzlichen Systemkritik. Das Manifest Que faire? (Was tun), dessen Autograph in der Sammlung des Filmmuseums bewahrt ist und das im Zuge der Retrospektive neu aufgelegt wird, zeugt davon. „Die Bourgeoisie hat die Welt in ihrem Bild geschaffen. Kameraden, wir müssen dieses Bild zerstören“, sagt der Erzähler in British Sounds, einem jener Kollektivfilme, die Godard mit Gleichgesinnten (vor ­allem Jean-Pierre Gorin) in den nächsten Jahren als „Groupe Dziga Vertov“ drehte.

 
Systematisch untersuchten sie das Kino als (Kultur-)Produkt und als Manipulationsmaschine – mit einer polemischen Zerstörungswut, die Godards Individualität und Originalität eigentlich zuwider lief. Die Dekonstruktionsabsicht dieser Arbeiten gebar daher rasch verblüffende neue Optionen der Rekonstruktion, die unverwechselbar Godards Handschrift tragen. Mit paradoxen Tigersprüngen expandierte er in weitere Richtungen: Im Essayfilm Letter to Jane machten er und Gorin ein Foto von Jane Fonda zum Gegenstand harscher Ideologiekritik – und drehten gleichzeitig (mit Fonda und Yves Montand in den Hauptrollen) den Starfilm Tout va bien: ein Höhepunkt des Politkinos aus dem Geiste von Mao und Jerry Lewis.

 
Zu dieser Zeit begegnete Godard auch Anne-Marie Miéville, die bis heute seine Partnerin ist. Nach der Rückkehr in seine Schweizer Heimat gründete er mit ihr die Firma Sonimage und begann, die Erfahrungen der „Vertov-Gruppe“ und die Leichtigkeit und „Biegsamkeit“ des Video-Mediums so anzuwenden, dass er neuerlich, wie schon 15 Jahre früher, zum Pionier werden konnte: Pionier ­einer autonomen Medienpraxis, in der technische, politische und intellektuelle Reflexion zusammenfallen, wie etwa in dem Miéville-Godard-Gorin-Meisterwerk Ici et ailleurs (1974/76). Sonimage ­wurde zum Modell für zahlreiche ähnliche „Werkstätten“ und Autoren-Studios der 70er und 80er Jahre – von der britischen Film-Workshop-Bewegung bis zum Œuvre Harun Farockis.

 
Godards Schritt zurück ins „reguläre“ Kino um 1980 war keine Absage an diese Autonomie, sondern eine folgerichtige Ergänzung, die – parallel zum Erscheinen wichtiger Bücher über seine Denk- und Arbeitsweise – „JLG“ zum wichtigen Kürzel für eine nicht-­affirmative filmische Postmoderne machten. Die Spielfilme Sauve qui peut, Passion, Prénom Carmen sowie Je vous salue, Marie und Détective zeigen Godard als neugeborenen Collage-Künstler: In atemberaubend schönen Natur- und Stadtbildern und schwebenden Soundtracks webt er ein so kryptisches wie faszinierendes Netz, in dem sich pessimistische Gesellschaftsanalyse und ungebrochene artistische Begeisterung zusammenziehen – unter Rückgriff auf die gesamte Geschichte der Künste. Parallel dazu reüssiert er auch in der kurzen Form, mit skizzenhaften, dabei sehr aus­gefeilten Arbeiten wie seinen Scénario-Videos. Sie lösen weitere Wellen in den „Histoire(s) du cinéma Godard“ aus, die im Filmmuseum im Frühjahr 2017 anrollen werden.
 
Die Retrospektive findet mit Unterstützung der Schweizerischen Botschaft in Wien statt.