Mario Monicelli
Die menschliche Komödie

I soliti ignoti (Diebe haben's schwer), 1958, Mario Monicelli (Foto: Deutsche Kinemathek)
9. Februar bis 1. März 2018

Mario Monicelli war eine Ausnahmegestalt des italienischen Kinos: ein fortschrittlicher Geist und Zeitgenosse, dessen Schaffen über mehr als ein halbes Jahrhundert die italienische Politik und Geschichte aus einer marxistisch-humanistischen Perspektive heraus begleitend kommentierte, zumeist in Gestalt populärer Komödien mit den Stars der jeweiligen Epochen.

So erfährt man etwa aus dem gemeinsam mit Steno (i.e. Stefano Vanzina) realisierten Totò cerca casa (1949) unendlich viel über Italiens Nachkriegsprobleme – nicht nur mit der desolaten Wohnraumsituation. Un eroe dei nostri tempi (1955) zeigt sechs Jahre später, welche Neurosen das wild wuchernde Wirtschaftswunder in den Seelen einer völlig überforderten Mittelschicht züchtete. Weitere acht Jahre darauf denkt Monicelli in I compagni (1963) über Fragen des organisierten Widerstands gegen das Kapital nach, im historischen Gewand zwar, aber dennoch klar auf die Verhältnisse der frühen 1960er übertragbar. Direkt in die Geisteswelt von '68 führt die nur selten gezeigte Pop-Groteske Toh, è morta la nonna! (1969), in der die Großindustrie endlich an sich selbst eingeht. Vogliamo i colonnelli (1973) packt ganz direkt ein heißes Eisen an: die Putschversuche rechtsextremistischer Elemente in Staat und Armee, welche in den 1970ern immer wieder für Schlagzeilen sorgten. Was Un eroe dei nostri tempi für den Boom war, ist der verstörende Hybrid aus Komödie und Selbstjustizthriller Un borghese piccolo piccolo (1977) für die "anni di piombo", die "bleiernen Jahre", in denen links- wie rechtsextremistische Gruppierungen das Land mit Attentaten und Terroranschlägen in ein Schlachtfeld verwandelten.

Nach Monicellis pessimistischster und finsterster Phase, in einer Zeit, da der Film als solcher immer mehr an Bedeutung für das politische Geistesleben verlor, zog er sich zurück in ein Kino der skeptischen Heiterkeit: wo einst der Commedia all'italiana-Furor tobte, machte sich nun eine altersweise Melancholie breit, die späte Meisterwerke wie seine Familienzerrüttungserzählung Speriamo che sia femmina (1986) oder die gut als Schlüsselfilm lesbare Giuseppe-Berto-Adaption ll male oscuro (1990) erfüllt; hier wie in so zahlreichen weiteren Werken der 1980/90er Jahre geht es vor allem um emotionale Defekte, blanke Verzweiflung sowie wieder und wieder das Gefühl, seine Jahre vergeudet zu haben. Vielleicht wären Frau und Kinder ja wichtiger gewesen als die politische Sache? Gleich mehrere dieser Filme enden mit der düsteren, an Pirandello gemahnenden Einsicht, dass selbst viele Leben einen nicht davor bewahren, am Ende vom Leben an sich besiegt zu werden. Der Mensch ist, wie er ist, weder gut noch böse, allein darauf bedacht, am Ende eines Tages nicht schlechter dazustehen als an dessen Beginn.

Das verstand man überall in der Welt, sehr gut sogar: Monicelli gehörte spätestens seit La grande guerra (1959) zu den international populärsten, am häufigsten preisgekrönten wie aber auch wirtschaftlich erfolgreichsten Filmschaffenden Italiens. Um genauer zu sein: Das Prinzipielle in seinem Schaffen verstand man – allerhand Spezifisches hingegen blieb dem einheimischen Publikum vorbehalten, allen voran die Sprachkomik vieler seiner Werke. Siehe etwa La grande guerra: dessen Antikriegssentiments wie auch die Buddy-Movie-Dynamik zwischen den beiden glücklosen Soldaten Oreste und Giovanni erschließen sich überall, doch die zahllos regionalspezifischen Scherze im Dialog, das Spiel mit den Idiomen Roms und Mailands, ließ sich nicht übertragen.

Ebenfalls entscheidend für Monicellis Erfolg war seine Ästhetik: Egal wie genrehaft es in den Filmen zuging, die Grundierung war stets klassisch realistisch. Seine epischen Entwürfe wie La grande guerra, I compagni oder L'armata Brancaleone (1966) und dessen – gut als Vietnamkriegsallegorie lesbare – Fortsetzung Brancaleone alle crociate (1970) bestechen bis heute durch ihre Detailgenauigkeit wie auch die schiere Gewaltigkeit dessen, was man da zu sehen bekommt: Berglandschaften überzogen mit Leichen und Kriegsgerät, gigantische, von einem Höllenlärm bebende Maschinenhallen, nach Dreck und Kot stinkende Vorwerke, in denen das absichtsfreie Leben braust. Manchmal sucht Monicelli jedoch auch den Umweg über den Genreexzess: In der melodramatischen Heftroman-Farce Romanzo popolare (1974) überzieht er die Stereotypen so lange, bis sich die realen Sehnsüchte wie dahinterliegende Ängste zeigen.

Mario Monicelli hatte ein Jahrhundertleben, sah zwischen 1915 und 2010 die politischen Systeme kommen und gehen, überlebte einen Weltkrieg und Dutzende von Staats- wie privaten Krisen, blieb sich dabei aber politisch stets treu. Gefürchtet hatte er allein die Langeweile – dass man über ihn tuschelte, weil er mit einer vierzig Jahre jüngeren Frau liiert war, tangierte ihn genauso wenig wie dass man ihn für einen Ewiggestrigen der Linken hielt, weil er mit der Craxi-PSI brach und sich im hohen Alter für die marxistisch-leninistisch orientierte Rifondazione Comunista engagierte. In einem seiner letzten Interviews, etwas mehr als ein halbes Jahr, bevor er sich krebskrank und entschieden leidensunwillig das Leben durch einen Fenstersturz nahm, sagte Monicelli: "Habt niemals Hoffnung, denn die Hoffnung ist eine Falle, eine Infamie, erfunden von den Herrschenden."

Die Retrospektive findet in enger Zusammenarbeit mit Centro Sperimentale di Cinematografia-Cineteca Nazionale und Istituto Luce – Cinecittà statt, die einen Großteil der 35mm-Kopien zur Verfügung stellen.
Zusätzliche Materialien