Die Utopie Film
100 Neuerwerbungen

30. August bis 4. Oktober 2008

 
„Das, was an Versprechen in der Filmgeschichte enthalten ist, ist zu wenig bekannt.“ In diesem Satz aus Alexander Kluges Essay Die Utopie Film klingt etwas an, das in der filmhistorischen Arbeit gerne unterschlagen wird: Die Filmgeschichte ist kein fester Besitzstand, keine Lagerhalle mit hunderttausend Filmrollen im Regal, sondern eine andauernde Bewegung, ein unablässiger Interpretationsprozess. Dass vieles in ihr „zu wenig bekannt“ ist, stellt für ein Filmmuseum naturgemäß einen wesentlichen Arbeitsauftrag dar. (Der Essay wurde 1964, im Gründungsjahr des Österreichischen Filmmuseums publiziert – diese Koinzidenz ist für die damalige Aufbruchstimmung in der cinephilen Kultur durchaus kennzeichnend.)
 
Ebenso wichtig ist in Kluges Satz der Aspekt des „Versprechens“: Es gilt, die Filmgeschichte als potentielle Gegenwart zu begreifen, nicht als ehrwürdiges, abzuhakendes Bildungsgut. Es gilt, die „alten Filme“ so zu aktualisieren, dass sie Versprechen bleiben können – auch für die Welt außerhalb des Kinos.
 
Im September 2004 fand erstmals eine Retrospektive unter dem Titel Die Utopie Film im Filmmuseum statt. Der Untertitel lautete 100 Vorschläge – im Sinne einer Einladung zur Neulektüre von Filmgeschichte und als Beitrag zur Debatte über den „Filmkanon“. Im Anschluss wurde daraus ein Programmzyklus, mit monatlich drei bis fünf Terminen, die jeweils in einem besonderen Verhältnis zueinander stehen. Nun erlebt die „Utopie Film“ zum zweiten Mal eine starke Verdichtung: Die Passage durch die Filmgeschichte besteht wieder aus 100 Werken, die Auswahl folgt allerdings einem spezifischen Kriterium – alle Filme sind Neuerwerbungen der letzten Jahre. Es handelt sich dabei vor allem um Ankäufe und Schenkungen, aber auch um Restaurierungen von Filmen aus der eigenen Sammlung und um Deposits von Filmemachern, Produktionsfirmen und öffentlichen Stellen. Neben den Werken selbst soll mit dieser Auswahl auch das Wechselspiel zwischen der Sammlungspolitik und den Programmen des Filmmuseums sichtbar werden.
 
Der internationale Boom in Sachen Filmrestaurierung hat nicht nur wichtige, ehemals verschüttete Filme wieder ans Tageslicht befördert, sondern auch viele berühmte Werke des Kinos in rekonstruierten Fassungen und besseren Kopierungen zugänglich gemacht. Beispielhaft dafür sind im Rahmen der Schau Filme von Georges Méliès, Sergej Eisenstein, Germaine Dulac, Friedrich Wilhelm Murnau, Joris Ivens, Luis Buñuel, Fritz Lang, Josef von Sternberg, Michael Powell & Emeric Pressburger, Jean Renoir oder Michelangelo Antonioni zu sehen, von denen das Filmmuseum im Zuge seiner internationalen Archiv-Kooperationen jeweils neu restaurierte Kopien erwerben konnte.
 
Erweitert man diese Künstlerliste um einige andere prominente Namen, die ebenfalls in der Schau vertreten sind, ließe sich rasch eine Filmgeschichte skizzieren, die dem überlieferten Kanon entspricht: Bergman, Bresson, Fassbinder, Godard, Kiarostami, Kurosawa, Melville, Minnelli, Rossellini, Scorsese, Stroheim, Tarkovskij, Vertov, Wilder ... Aber damit ist erst ein Viertel der „100 Neuerwerbungen“ benannt, und nur eine jener Geschichten des Kinos, die das Programm offeriert. Eine andere ließe sich über die Entwicklung der Genres und filmindustriellen Produktionsweisen erzählen, z.B. anhand der Technologien des Magischen und Dämonischen – von Segundo de Chomón bei Pathé (1908) und Fritz Freisler bei der Sascha-Film (1918), über den Wizard of Oz bei MGM (1939) und den „Roten Tod“ bei Roger Corman (1964), bis zu den realen Geistern von Stanley Kwan (1987) und den gezeichneten von Miyazaki Hayao (2001).
 
Weitere Lesarten des Mediums Film betonen dessen Funktion als Dokument, d.h. als Spur oder Kristall zeithistorischer Situationen, oder den Aspekt der ästhetischen Forschung, der die Tradition des Avantgardefilms begründet. Oder die Vielfalt jener „ungewöhnlich-gewöhnlichen“ Formate, bei denen der Autor oft im Dunkeln bleibt – Amateurfilme, Screen Tests, Trailer, Werbefilme, das frühe „Kino der Attraktionen“ und die vielen rätselhaften Filmfragmente, die sich anstelle integraler Werke in den Archiven erhalten haben. Um den ganzen Reichtum des Kinos darstellen zu können, bedarf es der Gleichzeitigkeit all dieser Blickwinkel – und entsprechender Exponate in der Sammlung, die stark und „ruhelos“ genug sind, um zwischen den Sichtweisen, Gattungen, Filmgeschichten und Kinoideologien changieren und vermitteln zu können. Manchmal genügen schon zwei Titel, um die Spannung anzudeuten, unter der das Kino steht, sobald es sich seiner konformistischen „Spielregel“ entledigt: Éruption volcanique (1902) ist der älteste Film dieser Schau, Mosaik Mécanique (2008) der jüngste. Eruption, Mosaik, mechanisch, vulkanisch: die Utopie Film.
 
Die Retrospektive findet mit großzügiger Unterstützung der ERSTE BANK statt.
 
Am 26.9. wird die neue Doppel-DVD des Filmmuseums präsentiert, mit den drei Hauptwerken des kanadisch-österreichischen Filmemachers John Cook: Ich schaff’s einfach nimmer (1972/73), Langsamer Sommer (1974-76) und Schwitzkasten (1978). Letzterer wurde vom Filmmuseum restauriert und ist Teil der Retrospektive.
 
Der neue Band der FilmmuseumSynemaPublikationen wird am 3.10. vorgestellt: Das Buch Film Curatorship. Museums, Archives, and the Digital Marketplace, herausgegeben von Paolo Cherchi Usai, David Francis, Alexander Horwath und Michael Loebenstein, befasst sich mit den zeitgenössischen Spannungsfeldern der Filmmuseumsarbeit. Es wird in Partnerschaft mit den Giornate del cinema muto in Pordenone publiziert.
 
Das Filmmuseum hat in den letzten Jahren, vor allem in Kooperation mit SYNEMA und dem Zsolnay-Verlag, viele Bücher über Künstler, Genres und Themen veröffentlicht, die in dieser Schau vertreten sind - z.B. über Peter Lorre, Dziga Vertov, Edgar G. Ulmer, John Cook, Jean Epstein, Humphrey Jennings, über das New-Hollywood-Kino, das Musical-Genre und frühe Filmkomikerinnen, oder über Josef von Sternbergs The Case of Lena Smith. Die Publikationen sind im Buchhandel, im Filmmuseum oder online über den Shop erhältlich. 
Zusätzliche Materialien

Programm: