Los Angeles
Eine Stadt im Film

Water and Power, 1989, Pat O'Neill

5. Oktober bis 5. November 2008

 

Die diesjährige Retrospektive der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums gilt einer Stadt, die wie keine andere mit dem Medium Film verschwistert ist: Los Angeles, Heimstätte einer gewaltigen Filmindustrie namens „Hollywood“, aber auch vieler unabhängiger, minoritärer Filmbewegungen, die dem Kino – und unseren Vorstellungen vom Leben in L.A. – neue Perspektiven eröffnen. Kurator der Schau ist der Filmemacher und -theoretiker Thom Andersen, dessen epischer Essayfilm Los Angeles Plays Itself (2003) weltweit für Furore sorgte. Mit der Retrospektive erweitert er nun den Ansatz dieses Films: Dank seiner genauen Kenntnis der historischen und zeitgenössischen Stadt und ihrer Filmlandschaften entwirft Andersen ein facettenreiches Bild des wirklichen Los Angeles – schillernd zwischen Film noir und Avantgarde, Oscar-Preisträgern und schwulem Underground, urbanistischem Essay und Genre-Reißern, klassischem Slapstick und Rockmusik.
 

„Es scheint, als würde Los Angeles nach wie vor Menschen in aller Welt faszinieren, und das, obwohl seine Zeit als 'Die Stadt der Zukunft‘ längst vorbei ist. Sind es einfach nur die Filme? Da Los Angeles seit fast hundert Jahren das Produktionszentrum der amerikanischen Filmindustrie ist, wurden Bilder der Stadt ins Gedächtnis von vielen Millionen Menschen eingeprägt. In der Frühzeit des Kinos benutzte man diese Bilder, um Werbung für eine Stadt zu machen, die nichts anderes zu verkaufen hatte als sich selbst. Als Los Angeles in den 1960er Jahren sein Selbstvertrauen verlor, wurden diese Bilder düsterer, aber noch faszinierender. Wenn die Stadt der Zukunft versagt hatte, wie sollten dann erst die Städte der Vergangenheit überleben?
 

Los Angeles wurde also zu einem Versuchsgelände, wo sich Filme und die wirkliche Welt überschneiden. Lenin sagte: 'Man kann nie so radikal wie die Realität sein‘ – in Los Angeles Plays Itself wollte ich demonstrieren, wie oft sich Hollywood-Regisseure dieser Herausforderung entzogen hatten, indem sie die Stadt und ihre Geschichte falsch verstanden bzw. darstellten. Mit der Retrospektive versuchen wir nun etwas anderes: Wir zeigen Filme, die ein wahres, gültiges und nützliches Bild von Los Angeles und seinen Bewohnern präsentieren. Manche davon wurden bereits in Los Angeles Plays Itself zitiert, aber in Österreich noch nie gezeigt wie etwa Bless Their Little Hearts (1984) von Billy Woodberry. Von anderen stehen erst jetzt restaurierte Kopien zur Verfügung wie z.B. The Exiles von Kent Mackenzie, der erst heuer – 50 Jahre nach Produktionsbeginn – seinen ersten Kinostart in New York erlebte und als große Offenbarung gefeiert wurde.
 

Es gab viele andere Filme, die ich bewunderte, aber in meinem Film nicht unterbringen konnte. Amy Heckerlings Fast Times at Ridgemont High (1982) ist der erste große Film über Teenager und das San Fernando Valley, einen Stadtteil, den Hollywood bis dahin verhöhnt hatte. Ich erwähnte zwar John Cassavetes, aber ignorierte meinen Lieblingsfilm Minnie and Moskowitz (1971), in dem es am meisten um Los Angeles und seine ganz eigene Art von Einsamkeit geht. Josef von Sternbergs The Salvation Hunters (1925) wurde erst heuer restauriert. Es ist sein Debüt und der erste bedeutende Film über Los Angeles. Als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich, Sternberg hätte, 20 Jahre vor allen anderen, den Neorealismus entdeckt; heute scheint es, als hätte er den magischen Realismus erfunden.
 

Los Angeles Plays Itself konzentrierte sich auf Spielfilme. Die Retrospektive eröffnet neue Blickwinkel, indem sie auch dokumentarische und experimentelle Arbeiten, Videos und Studentenfilme vorstellt – manchmal von Regisseuren, die später berühmt wurden (George Lucas, Penelope Spheeris, Kent Mackenzie). Diese minor cinemas von Los Angeles, wie David James sie nennt, enthüllen oft mehr über die Stadt und ihr soziales Ethos als ihre kommerziellen Gegenstücke – man denke nur daran, wie die avantgardistischen Psychodramen der 40er Jahre (von Maya Deren, Kenneth Anger, Curtis Harrington) den Film noir evozieren bzw. antizipieren.
 

Ich möchte hier lieber keine weiteren Behauptungen über all diese Filme aufstellen: Die Zuschauer in Wien sollen ihre Entdeckungen ebenso genießen können, wie ich es tat.“ (Thom Andersen)

 

Begleitend zur Retrospektive erscheint ein reich illustriertes Katalogbuch, das Essays von Filmemachern, Kritikern und Historikern sowie ausführliche Beschreibungen aller gezeigten Filme enthält. Im Rahmen der Schau werden mehrere Publikumsgespräche mit Filmkünstlern sowie Vorträge von Edward Dimendberg (über L.A. Noir und die Filme von Irving Lerner) und William E. Jones (über das Werk von Fred Halsted) stattfinden. 

 

Dieses Projekt wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Academy Film Archive erarbeitet. Mit Dank an Michael Pogorzelski und Mark Toscano.

 

Eine gemeinsame Veranstaltung der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums.

Zusätzliche Materialien

Programm: