Harold Lloyd

Never Weaken, 1921, Fred C. Newmeyer (Foto: Cinémathèque suisse)

25. Dezember 2015 bis 7. Jänner 2016
 

Längst ist Harold Lloyd als drittes Genie unter den großen Stummfilmkomikern etabliert: Während seiner Hochblüte in den Roaring Twenties übertraf er die Kontrahenten Charles Chaplin und Buster Keaton sogar in der Publikumsgunst. Seine Leinwandpersona als junger Mann mit Hornbrillen auf dem Weg nach oben war nicht nur Vorbild für Clark Kent, das Alter Ego von Superman, sondern Inbegriff des US-Selbstbilds in einer industriellen Boom-Ära, als sich die Vereinigten Staaten von einer ländlichen zur urbanen Gesellschaft wandelten.
 
Harold Lloyd (1893–1971) verkörperte den All-American Boy, meist als unsicheres Landei, das in einer Serie makellos konzipierter und rhythmisierter Gags über sich hinauswächst. Mit unerschöpflicher Energie und unerschütterlichem Optimismus zum Erfolg (des Tüchtigen) – ein amerikanischer Traum, mit dem sich die Massen identifizierten: „Chaplin und Keaton führten ein poetisches Leben in selbstgeschaffenen Welten, während Lloyd aufregenderweise, aber unverwechselbar in einer Welt lebte, die das Publikum als seine eigene erkannte“, so Dave Kehr.
 
Definiert wurde diese Welt in Lloyds Zentralperiode meisterhafter Langfilme wie Safety Last!, der Visualisierung einer Aufstiegsgeschichte als haarsträubend komische thrill comedy (ein Subgenre, das Lloyd begründete): Zu Werbezwecken erklettert ein kleiner Angestellter die Fassade eines Kaufhaus-Wolkenkratzers. Das berühmte Bild aus dem finale furioso, wo Lloyd hoch über den Straßen der Stadt an den widerspenstigen Zeigern einer riesigen Uhr hängt, ist eine Kino-Ikone der Modernität– und zugleich die letztgültige Umsetzung eines jener Einfälle, die Lloyd über die Jahre wiederholte und perfektionierte: Im Gegensatz zu den „geborenen“ Komikern Keaton und Chaplin war er ein Schauspieler, der seine Virtuosität in mühevoller Detailarbeit errang.
 
Das erklärt einerseits, warum er vergleichsweise unterschätzt blieb (er eignet sich weniger für den Geniekult), andererseits sorgt es für einzigartige Authentizität: Der Weg nach oben war für Lloyd so hart erarbeitet wie für die Filmfiguren, die er spielte. Nach Jahren im Wandertheater kam er 1912 zum Film und produzierte ab 1914 mit Hal Roach zahllose Comedy-Einakter, die ihn bekannt machten, aber im Schatten von Chaplins Tramp standen. 1917 kreierte Lloyd den sprichwörtlichen glasses character (im realen Leben trug er keine Brille), doch erst nach längerem Feinschliff und dem Übergang zur langen Form entfaltete sich darin sein ganzes Genie.
 
In den Lloyd-Komödien von A Sailor-Made Man (1921) bis Speedy (1928) fügen sich atemberaubende Pointen in klassische Erzählkonstruktionen, die kein überschüssiges Bild kennen. Ob Action (Safety Last!) oder Romantik (Girl Shy): Die sonst oft schleißig gehandhabten Genre-Zutaten der silent comedy wurden bei Lloyd perfekt integriert, seine Hauptwerke der 1920er sind Paradigmen einer großen Kinotradition. Trotz seines problemlosen Übergangs zum Tonfilm wirkte Lloyds frohgemute Alles-ist-möglich-Attitüde in der Depressionszeit schlagartig obsolet. Seither scheint ihn jede Generation wieder für sich entdecken zu müssen: Jenseits ihrer zeitlosen Brillanz sind Lloyds Geschichten von sozialer Mobilität dabei heute aktueller denn je.
 
Die Retrospektive findet in Kooperation mit dem Harold Lloyd Trust (Los Angeles) statt, der Lloyds Filmoriginale und seinen Nachlass betreut. Sämtliche Vorstellungen werden von Gerhard Gruber am Klavier begleitet.