Robert Frank

Candy Mountain, 1987, Robert Frank mit Rudy Wurlitzer
10. bis 27. November 2017

Die Film- und Videoarbeiten des großen Fotografen Robert Frank zählen zu den bestgehüteten Geheimnissen der Filmgeschichte: Sein Debüt, das Beatnik-Poem Pull My Daisy (1959), gilt zwar als Klassiker, und seine drei Werke in Spielfilmlänge – das faszinierende Schizophrenie-Experiment Me and My Brother (1968), die berüchtigte Rolling-Stones-Tour-Doku Cocksucker Blues (1972) sowie das einnehmende Musik-Road-Movie Candy Mountain (1987) – wurden durchaus wahrgenommen. Aber auch wenn in den letzten Jahren ein Frank-Revival vor allem in Bezug auf seine Fotoarbeit stattgefunden hat, ist der Großteil seines audiovisuellen Werks noch immer nahezu unbekannt und kaum je im Kino zu sehen.

Es handelt sich dabei um eine Reihe zutiefst persönlicher Essayfilme, die einer flüchtigen, höchst gegenwärtigen Ästhetik verpflichtet sind und ausgiebig dem scheinbar Unbedeutenden, Nebensächlichen huldigen. In ihnen lässt sich ein Außenseiterblick auf die Möglichkeiten des Kinos entdecken.
 
1925 in Zürich geboren, studiert Frank Französisch und macht eine Fotografen-Ausbildung in der Schweiz, bevor er 1947 nach New York emigriert, wo er als Mode- und Kunstfotograf arbeitet. Mit dem aufsehenerregenden, 1958 mit einem Vorwort von Jack Kerouac erschienenen Fotoband The Americans liefert er ein düsteres Gegenbild zur Selbstsicht der USA, wo Franks bahnbrechende Arbeit zunächst harsch kritisiert wird. Doch sukzessive etabliert sich The Americans als einer der einflussreichsten Fotobände des 20. Jahrhunderts – Frank selbst jedoch ist unmittelbar nach der Publikation, an der Schwelle zum Fotografen-Ruhm, bereits zum Kino übergewechselt.

In Pull My Daisy, zu Jack Kerouacs melodischen Off-Kommentar gemeinsam mit Alfred Leslie inszeniert, ist die für Franks Laufbilder charakteristische Mischung aus Fiktionalem und Dokument bereits abzusehen. Seine weitere Karriere verläuft aber erratisch und größtenteils im Privaten: Der legendäre Eklat mit den Rolling Stones um Cocksucker Blues bleibt die einzige Ausnahme. Ab 1970 führt Frank mit seiner Familie eine zurückgezogene Existenz in einer Künstlerkolonie im abgeschiedenen Nova Scotia und wendet sich zwischendurch auch wieder der Fotografie zu.

Bis auf wenige Auftragsarbeiten (die fast ausnahmslos, wie das 1971 entstandene, bezeichnend betitelte About Me: A Musical, zu sehr persönlichen Frank-Filmen mutieren) entsteht in autobiografischen Skizzen ein Werk, das einzigartig ist in seiner radikalen Offenheit, seinem unaufdringlichen Duktus und seiner speziellen Mixtur aus trockenem Witz und überwältigender Melancholie: Werke wie der dysfunktionale Familienfilm Conversations in Vermont (1969), die große Tagebuch-Arbeit Home Improvements (1985) oder der berührende Erinnerungsessay The Present (1996) demonstrieren ungebrochen eine eigenständige Form filmischen Denkens und Ausdrucks, die Franks Ruf eines Wegbereiters des Independent Film bestätigen.

Nachdem das Filmmuseum bereits im November 2003 die Film- und Videoarbeiten von Robert Frank in vollem Umfang gezeigt hat, wird vierzehn Jahre später – parallel zu einer großen Fotoausstellung in der Albertina – erneut eine Gesamtschau angeboten, nun erweitert um jene drei Videoarbeiten, die Frank seit 2002 hergestellt hat.

Aufgrund der komplizierten Rechtslage um Cocksucker Blues wird eine Aufführung des Films erst Mitte Jänner 2018 möglich sein. (Für die Veranstaltung gibt es ab 20. Dezember Karten im Vorverkauf, Restkarten an der Abendkassa (keine telefonische oder Online-Reservierung.) Das Filmmuseum wird den Film zum Finale der parallel zur Retrospektive stattfindenden Fotoausstellung zu Robert Frank in der Albertina (bis 21.1.2018) zeigen. Besucher/innen des Filmmuseums erhalten gegen Vorlage ihres Tickets vergünstigten Eintritt in die Ausstellung.