Programmarchiv

Mai | Juni 2017

Filmmuseum ist. Wiedergefundene Zeit

Plakat "Europa erzählen"
Im Andenken an Ingeborg Strobl (1949–2017)

Wer von Europa erzählt, macht sich auch Vorstellungen davon, wie Europa aussieht. An seinen Gesichtern ist oft etwas unendlich Schönes – an Jean-Louis Trintignant und den beiden Buben auf dem Titelblatt, an Margarita Terechova, Sandrine Bonnaire und Ingrid Bergman.

Täuscht diese Schönheit über eine große Hässlichkeit hinweg? "Europa ist keine Oase von Frieden und Freiheit, von Gastfreundschaft und Solidarität, sondern nur das Trugbild davon. Genauso wenig gibt es eine abendländische Wertegemeinschaft, die durch Grenzen definiert würde und durch Neuankömmlinge etwas zu verlieren hätte. Die Angst vieler Europäer richtet sich darauf, selbst erkennen zu müssen, dass sie in einer Fata Morgana leben." (Georg Seeßlen, 2016)

Das Bild hier deutet an, wie es in den Verwaltungszentren der Fata Morgana aussieht. Zur Korrektur braucht es unter anderem einen fordernden Blick. Einen Blick, der das administrierte Leben zurückweist, der Gesten der Schwesterlichkeit und der Grenzüberschreitung erlaubt. Seeßlen: "Die Voraussetzung wäre eine Idee von einem Europa, in dem wir wirklich frei und gleich sein wollen. Menschen, die mit der großen Hoffnung auf einen Neuanfang zu uns kommen, könnten die idealen Träger einer solchen Idee sein. Dann könnten die Flüchtlinge Europa möglicherweise vor sich selbst retten. Und vor seiner weiteren Verrohung und Verblödung."

Eine andere Option bietet Marcel Prousts "wiedergefundene Zeit". Sie verweigert, darin dem Kino verwandt, das öde Gezerre zwischen den National- und den Business-"Realisten" in Europa. Sie beschwört, so Henning Ritter, die "stärkere Realität" der Vorstellungskraft: die "Kraft, das Verlorene und Vergessene wiederzubeleben."

Alexander Horwath

Dank Für ihre Hilfe bei der Realisierung des Mai/Juni-Programms danken wir:
Laura Argento, Maria Coletti (Cineteca Nazionale); Mathias Bollinger (Deutsches Filminstitut); Hannes Brühwiler; Carina Carballo, André Schäublin (Cinémathèque suisse); Tianzhuo Chen; Bettina Dakura (Japanische Botschaft Wien); Roland Domenig; Daniel Ebner, Benjamin Gruber (VIS Vienna Shorts); Lukas Foerster; Rosaria Folcarelli (Istituto Luce – Cinecittà); Michael Haneke; Christine Houard (Institut français, Paris); Diana Kluge, Reut Ilan-Shafik (Deutsche Kinemathek); Marleen Labijt, Annette Schulz (EYE Filmmuseum); Alexandre Larose; Daniel Lie; Johann Lurf; Mabuchi Akiko (National Film Center/National Museum of Modern Art, Tokyo); Makino Takashi; Margaret Ménégoz (Les Films du Losange); Derrick Ryan Claude Mitchell; Bonaventure Ndikung; Daniel Pérez (Filmoteca Española); Maciej Prawdzic-Kornacki (Filmoteka Narodowa); Alina Salcudeanu (Centrul Naţional al Cinematografiei); Marc Scheffen (Cinémathèque Municipale de Luxembourg); Mine Scheid; Jean-Marie Straub, Barbara Ulrich (BELVA Film); Jean-Louis Trintignant; Arianna Turci (Cinémathèque royale de Belgique); Gerald Weber (sixpackfilm); Angela Ziegenbein (Japanisches Kulturinstitut, Köln); Tomas Zierhofer-Kin, Margit Moisl, Carolina Nöbauer (Wiener Festwochen); Tomáš Žůrek, Kateřina Fojtová (Národní filmový archiv)

Filmtexte Hannes Brühwiler, Christian Cargnelli, Ralph Eue, Lukas Foerster, Rui Hortênsio da Silva e Costa, Christoph Huber, Michael Omasta, Harry Tomicek