Filmdokumente zur Zeitgeschichte:

Die KPÖ im Aufbau

28. September 2008
 
Die Reihe Filmdokumente zur Zeitgeschichte fokussiert im Jahr 2008 einmal monatlich auf rare Archivmaterialien zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit Gästen aus verschiedensten Disziplinen werden filmische Überlieferungen von zentralen Ereignissen und Entwicklungen im historischen, produktionsgeschichtlichen und filmästhetischen Kontext analysiert. Im Zentrum des Programms steht das Spannungsverhältnis von Film und Geschichte – Film als Zeugnis historischer vergangener Begebenheiten und zugleich als ästhetische Stellungnahme zur Welt.
 
Am Tag der Nationalratswahl widmet sich die sechste Folge dieser Reihe den filmischen Zeugnissen einer politischen Partei, die in der öffentlichen Geschichte Österreichs kaum mehr Beachtung findet: der KPÖ. Dieses kollektive Vergessen betrifft nicht nur die Rolle der Kommunisten im aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus und bei der Wiederbegründung der Republik, sondern auch die umstrittene Verteilung der sozialen und politischen Lasten im sogenannten „Wiederaufbau“ 1945-55. Der auf den gescheiterten Massenstreik im Oktober 1950 folgende Niedergang der KPÖ ist aber nicht zu trennen von ihrer unbedingten Loyalität zur stalinistischen Sowjetunion und zur sowjetischen Besatzungsmacht.
 
Als eine der konstituierenden Kräfte der Republik und als Regierungspartei von 1945-47 hat die KPÖ in der Filmproduktion bis in die 1970er Jahre zahlreiche Spuren ihrer politischen Bedeutung und ihrer soziokulturellen Milieus hinterlassen – darunter neu entdeckte, vom Filmmuseum restaurierte Schmalfilme, die von der „Aufbauarbeit“ der Partei im Herbst 1945 künden, Wochenschauen, die unter sowjetischer Kuratel bzw. in der SBZ / DDR produziert wurden, oder Kompilationsfilme wie Sturmjahre, die durch die Wiener Kulturpolitik unter KPÖ-Stadtrat Viktor Matejka gefördert wurden. Ein rares und zutiefst widersprüchliches Dokument in diesem Zusammenhang ist auch Roman Karmens Farbfilm über den neuntägigen Österreichbesuch von Nikita Chruschtschow im Juli 1960. All diese Filme zeugen von der Ambivalenz der kommunistischen Bewegung zwischen den Modernitätsversprechungen der 1920er und frühen 30er Jahre und dem Propagandastil totalitärer Macht. (Michael Loebenstein, Siegfried Mattl)