James Benning
American Filmmaker

Grand Opera. An Historical Romance, 1979, James Benning (Kadervergrößerung ÖFM/Georg Wasner)

1. bis 30. November 2007

James Benning, eine der faszinierendsten Figuren im unabhängigen US-Kino seit 1970, galt lange Zeit als Geheimtipp. Seine jüngsten Arbeiten wie die California Trilogy (1999-2001) oder 13 LAKES und TEN SKIES (2004) haben ihn zwar als Meister des "Landschaftsfilms" etabliert, doch ein Gutteil seines früheren Schaffens ist kaum bekannt.

Mit der weltweit ersten Präsentation seines Gesamtwerks, begleitet von einer umfangreichen Monografie, offeriert das Filmmuseum eine vollständige Durchquerung der "United States of Benning" – einer radikal persönlichen Version und Vision von Amerika.
 

James Benning wird während der Retrospektive in Wien anwesend sein und über seine Arbeit sprechen. Sein neuestes Werk RR, ein Reisefilm der besonderen Art, erlebt in diesem Rahmen seine Weltpremiere.
 
1972 kehrt Benning, der 1942 in Milwaukee geboren wurde, an die Universität von Wisconsin zurück, um nach einem abgeschlossenen Mathematikstudium Film zu studieren. In dieser frühen Schaffensphase sucht er nach der für ihn "richtigen" Ausdrucksform und dreht mehrere kurze Arbeiten. Er versucht die Rhetorik des Hollywoodkinos zu unterlaufen und testet zugleich mit jugendlichem Übermut das etablierte Repertoire des Avantgardefilms aus.

Mitte der 70er Jahre kreuzt sich Bennings künstlerische Entwicklung mit einer größeren Bewegung in der amerikanischen Avantgarde; seine "new narratives" ziehen die Aufmerksamkeit der Kritik auf sich. In Filmen wie 81/2 x 11 (1974), 11 x 14 (1977) oder One Way Boogie Woogie (1977) verknüpft er die strukturelle Analyse von Bild, Ton und Erzählung mit autobiografischen Impulsen – und mit einem nahezu "klassischen" Interesse an Bildkomposition, Farbe, Licht und Landschaft. Benning entwirft in rigoros kadrierten Einstellungen eine Ikonografie des Mittelwestens und entwickelt eine Erzählform, in der jedes einzelne Bild Autonomie und assoziativen Reichtum beanspruchen kann.

Während seiner New Yorker Zeit (1980-88) rücken Themen wie Geschichte und Erinnerung stärker ins Zentrum von Bennings Werk, der Einsatz von Schrift und Voice-over gewinnt an Bedeutung.

Mit American Dreams (1984) und Landscape Suicide (1986) gelingen ihm zwei Höhepunkte im Kino dieser Dekade: Sie gewähren Einblick in die Psyche von Gewaltverbrechern, deren Taten in einen historischen und politischen Kontext gestellt werden.

In dichten Materialcollagen erzeugt Benning das Bild einer spezifischen mentalen und physischen Landschaft – ein amerikanischer Traum, der zum Alptraum geworden ist. In dieser Tradition steht auch der beklemmende (und fast nie gezeigte) Überraschungsfilm, den das Filmmuseum am 7. November präsentiert.

Nach seinem Umzug nach Kalifornien beginnt Benning eine Serie dokumentarisch-essayistischer Filme. North on Evers (1991), Deseret (1995) und Four Corners (1997) weiten seine alternative Geschichte der USA aus und verfolgen die Spuren politischer und ökonomischer Machtverhältnisse in den Landschaften des Westens.

Mit der California Trilogy (El Valley Centro, Los, Sogobi) und den Filmen 13 LAKES und TEN SKIES treibt er diese Überlegungen in eine radikale Richtung: Die Aufmerksamkeit – und Phantasie des Betrachters – bleibt für Minuten auf ein Bild und den Originalton gerichtet.

Am 1. und 2. November wird James Benning im Filmmuseum seine neuen Werke vorstellen – beide sind das Ergebnis mehrjähriger Dreharbeiten. RR unternimmt eine filmische Vermessung der amerikanischen Landschaft anhand von Güterzügen und Schienensträngen; casting a glance, kürzlich auf der documenta 12 uraufgeführt, erforscht ein zentrales Kunstwerk des 20. Jahrhunderts – die gigantische "Spiral Jetty", die der Land-Art-Künstler Robert Smithson 1970 im Salzsee von Utah errichtete.

Für Bennings eigenes Schaffen war Smithsons Ausbruch aus der Kunstgalerie ein wichtiger Impuls; und wie dieser darf er für sein Werk eine seltene und im besten Sinn "gefährliche" Qualität beanspruchen: Die intensive Konfrontation mit den Filmen von James Benning kann dazu führen, dass man die Welt nie mehr so wahrnimmt wie zuvor.

Anlässlich der Retrospektive erscheint das erste Buch über den Künstler, herausgegeben von Barbara Pichler und Claudia Slanar (Band 6 der FilmmuseumSynemaPublikationen). Die reich illustrierte Publikation enthält u.a. Beiträge von James Benning, Sharon Lockhart, Allan Sekula, Dick Hebdige, Sadie Benning und Julie Ault.

Zusätzliche Materialien