Apichatpong Weerasethakul

Syndromes and a Century, 2006, Apichatpong Weerasethakul

26. März bis 2. April 2009

   

Apichatpong Weerasethakul ist nicht nur der erste Regisseur Thailands, dessen Schaffen großen Raum im internationalen Diskurs einnimmt, er ist einer der herausragenden Filmemacher der Gegenwart. Für unser zu Ende gehendes Jahrzehnt kann das Werk des 38jährigen etwa jene Bedeutung beanspruchen, die Hou Hsiao-hsien oder Abbas Kiarostami für die 1990er Jahre besitzen.
 
Weerasethakuls Filme seit dem Jahr 2000 haben ihn zum gefeierten „Weltkino-Auteur“ werden lassen. Aber nicht allen cinephilen Verehrern ist bewusst, dass seine Inspiration zu einem guten Teil aus dem populären Thai-Kino der 70er Jahre schöpft; und dass er zugleich – auf der anderen Seite des Spektrums – mit seiner Arbeit und seiner Rezeption ganz wesentlich in der bildenden Kunst verankert ist. Auf diesem Gebiet hat er zahlreiche kurze und mittellange Filme hergestellt, die ebenfalls Teil dieser ersten Gesamtschau über sein Werk sind. 
 
Eine deutliche Hommage an das Kino seiner Kindheit ist das in Co-Regie mit Michael Shaowanasai entstandene Camp-Abenteuer The Adventure of Iron Pussy (2003), das im Westen bislang kaum gezeigt wurde. So wie Shaowanasai ist Weerasethakul schwul, was er wiederholt in seinen Werken thematisiert und was ihm – neben den politischen, oft regimekritischen Anspielungen in seinem Schaffen – beständig Probleme mit der Thai-Zensur bereitet. Sein bislang letztes abendfüllendes Werk, der im Rahmen des New Crowned Hope-Projekts produzierte Syndromes and a Century, wurde zu einem cause célèbre der gegenwärtigen politischen Kämpfe in Thailand, als sich Weerasethakul weigerte, seinen Film umzuschneiden.
 
Syndromes ist das bis dato autobiografischste Werk Weerasetha­kuls: Die Geschichte über merkwürdig-doppeldeutige Begebenheiten in einem Krankenhaus ist durch seine Eltern inspiriert, die beide als Ärzte im Spital von Khon Kaen arbeiteten. Auf dessen Fluren verbrachte Weerasethakul viele Stunden seiner Kindheit und Jugend, bevor er an der Universität ein Architekturstudium begann. Schon vor dem Abschluss (1994) drehte er seinen ersten Kurzfilm. Weitere folgten in seinen Jahren am Art Institute of Chicago, wo er 1997 ein zweites Studium abschloss: Kunst und Film.
 
Mysterious Object at Noon, sein Langfilmdebüt, ist eine Art Scharnierwerk und nicht eindeutig der Fiktion oder dem Dokumentarischen zuzuordnen: Weerasethakul reiste durch Thailand, traf Menschen und ließ diese eine Geschichte weiterspinnen, wobei der jeweils nächste nur das vorangegangene „Erzählstück“ für sein Fabulieren zu hören bekam. Daraus entsteht ein wahres Epos, geschrieben vom liebenswürdig-großzügigen Irrsinn des ­thailän­dischen Alltags und seiner phantasiedurstigen Protagonisten.
 
Für seine folgenden Spielfilme übernahm Weerasethakul einige Elemente des Erstlings, u. a. die Arbeit mit Laien, die dokumentarische Basis seiner Ästhetik und die Zersplitterung der Geschichten, das oft undurchsichtige Verhältnis ihrer Teile zueinander. Manchmal spiegeln und kommentieren sie einander, manchmal erscheint es, als stritten sie miteinander. Der in Mysterious Object wild irrlichternde Zug zum Phantastischen und Spirituellen kommt in den späteren Filmen auf unterschiedliche Weise zum Tragen. In Blissfully Yours bleibt er eher latent, in Tropical Malady entfaltet er sich voll – der Schlussteil dieses grenzgängerischen Meisterwerks führt in die magische Welt des Urwalds und der Menschentiger.
 
Stilistisch hat Weerasethakul über die Jahre einen ganz eigenen Minimalismus kultiviert, der freilich schwelgerische Formen annehmen kann: lange, verschlungene Einstellungen, diskretes Schau­spiel, eine gezielt eingeschränkte Farbpalette, eine große Freude an Naturschauplätzen. Und in all dem: eine schöne Heiterkeit (die man durchaus buddhistisch nennen kann), mit hintersinniger Lust am Bizarren, Grotesken und jenen Idiosynkrasien, die das populäre Kino Thailands einst ausmachte. In Apichatpong Weerasethakuls Schaffen ereignet sich die berauschende Umschrift solch naiv-poetischer Kinoillusionen in ein Idiom zeitgenössischer Kunstpraxis.
 
Der Regisseur wird von 26. bis 30. März für Publikumsgespräche im Filmmuseum zu Gast sein. Zum Auftakt der Schau wird Band 12 der FilmmuseumSynemaPublikationen vorgestellt: Apichatpong Weerasethakul, herausgegeben von James Quandt. Das reich illustrierte Buch enthält Beiträge von Tilda Swinton & Mark Cousins, Benedict Anderson, Karen Newman, Tony Rayns, Kong Rithdee, eine kommentierte Filmografie von Simon Field sowie Gespräche mit und Essays von Weerasethakul selbst. 
Zusätzliche Materialien