Kurosawa Akira
Das Gesamtwerk

Rashomon, 1950, Kurosawa Akira

1. Dezember 2005 bis 9. Januar 2006
 

Lange vor seinem Tod im Alter von 88 Jahren wurde Kurosawa Akira in Japan als Tenno bezeichnet – der letzte Kaiser des Kinos. Und auch im Westen gilt der Regisseur von Rashomon, Yojimbo oder Ran seit seinem „Durchbruch“ in den frühen 50er Jahren als eine zentrale Gestalt der Filmgeschichte. Zugleich ist sein Werk, aus rechtlichen und finanziellen Gründen, heute kaum mehr im Kino zu sehen. Während im Westen nun auch die vielen anderen japanischen Meister langsam entdeckt werden, besteht die Gefahr, dass eine ganze Generation das Kino kennen lernt, ohne die „Kurosawa-Erfahrung“ zu machen. Auf dem Gebiet des Films entspricht diese besondere Erfahrung ungefähr der ersten Begegnung mit Van Gogh oder John Coltrane im Zuge der Eroberung anderer Disziplinen: ein heftiges, blendendes Blitzlicht; die plötzliche Begründung einer Leidenschaft.
 
Um solche Erfahrungen erneut möglich zu machen, präsentiert das Filmmuseum zum ersten Mal seit den 1980er Jahren wieder Kurosawas Gesamtwerk: 31 Filme, entstanden zwischen 1943 und 1993 – Samurai-Filme und Gegenwartsfilme, aus den Schlagzeilen gerissene Plots und kunstvolle Verwandlungen literarischer Stoffe; aufgespannt zwischen Realismus und extremer Stilisierung, in CinemaScope. Kurosawa, das ist die große Form, der große Atem, ein Kino der Weite und der präzisen Aktion – und zugleich ein Kino moralischer Abwägungen und Entscheidungen, geprägt von Fragen der Macht, der Menschlichkeit (und Männlichkeit) und der Form, die es zu bewahren oder zu sprengen gilt. In ihrer Mitte: die Tat; und das Wechselspiel von Ruhe und Gewalt.
 
Kurosawa, 1910 in Tokyo geboren, entstammte einer alten Samurai-Familie, deren Traditionen seine Erziehung bestimmten. Die bewundernd-distanzierte Haltung gegenüber dem Vater spiegelt sich in seinem Werk – z.B. in der Ambiguität gegenüber dem Bushido, dem Wertkodex der Samurai. Kurosawa setzte sich intensiv mit Kunst und internationaler Literatur auseinander, vor allem mit der Weltsicht Dostojewskis. Unzufrieden mit seiner Arbeit als Zeitschriften-Illustrator, verfasste er 1936 eine Kino-Polemik („Die grundlegenden Mängel des japanischen Films“) und wurde noch im gleichen Jahr als Regieassistent beim Toho-Studio angestellt.
 
Schon das Regiedebüt, Sugata Sanshiro, war ein völlig ausgereifter Film und ein Kassenschlager. In der Folge legte Kurosawa eine Reihe „neorealistischer“ Meisterwerke über die japanische Nachkriegsgesellschaft vor – Filme wie Nora inu oder Yoidore tenshi, die diese „wirre, verworfene Zeit“ mit kraftvollen Bildern porträtieren. Die 50er Jahre bringen Welterfolge in Serie – Rashomon, Ikiru, Shichinin no samurai, Donzoko oder Kumonosu-jo – und machen Kurosawa (samt seinem Lieblingsdarsteller Mifune Toshiro) zum ersten Sendboten des japanischen Kinos im Westen. Sein Ruf als „westlichster“ Regisseur Japans datiert aus dieser Zeit, verdankt sich aber vor allem der Tatsache, dass er häufig europäische Literatur (Shakespeare, Dostojewski, Gorki) adaptiert und umgekehrt mit seinen Samurai-Filmen Regisseure wie Sergio Leone zu Remakes im Western-Genre anregt.
 
Kurosawa selbst war der erste, der diesem Ruf entgegentrat: Die japanische Auffassung des Bildes, die Bearbeitung japanischer Traditionen und konkreter Themen der japanischen Gesellschaft weisen ihn als einen Erzähler aus, der das „Universelle“ stets in ein aufregendes Spannungsfeld mit dem „Eigenen“ bringt. Kurosawas späteres Werk belegt das enorme Ausmaß dieses Feldes – die einflussreichen „Schwertkämpfer-Krimis“ Yojimbo und Tsubaki Sanjuro, moderne Thriller und intime, abgeklärte Filme (wie Madadayo) oder die traumgleichen Großproduktionen Kagemusha, Ran und Yume, für deren Realisierung er die finanzielle Hilfe seiner amerikanischen Verehrer Coppola, Lucas und Spielberg annahm.
 
Kurosawa, der „letzte Kaiser“, hat in seinem Leben und filmischen Schaffen fast das Jahr 2000 erreicht. Nun gilt es, sein Reich zu bewahren, das sich jenseits aller nationalen und kulturellen Grenzen realisiert: im Kino.